Der erste Live-Eindruck weckt zarte Zweifel: Wie die Fantic Stealth 500 da am Startpunkt der Tour in den umbrischen Bergen steht, wirkt sie sehr kompakt, um nicht zu sagen klein. Ob eine ausgewachsene mitteleuropäische Testerin mit knapp 1,80 Metern Länge da draufpasst? Sie passt. Und zwar komfortabel. Die Knie finden in der kantigen Aussparung am Tank bequem Platz. Und der breite, leicht gekrümmte Lenker ermöglicht eine aktive, nach vorn geneigte Sitzposition, die auch nach mehreren Stunden im Sattel – auf einer flotten Berg- und Talfahrt über die Apennin-Pässe zwischen Umbrien, Toskana und Romagna – noch kommod bleibt.
Fantics erstes Naked Bike der A2-Klasse
Dorthin hatte Fantic geladen, um sein erstes Naked Bike der A2-Klasse vorzustellen. Dabei handelt es sich um eine größere Version der Stealth 125, die seit letztem Jahr auf dem Markt ist und sich aus dem Stand den zweiten Platz beim MOTORRAD 125er-Champs-Test sicherte. Für einen kleinen Motorradbauer wie Fantic ein Riesenerfolg, der die Erwartungen an die neue Stealth 500 natürlich in die Höhe schraubt. Welche diese, so viel sei vorweggenommen, im Fahrtest voll erfüllte.
Fantic Stealth 500 – leichtestes Naked Bike seiner Klasse
Mit nur 147 Kilogramm trocken ist die Stealth 500 das mit Abstand leichteste Naked Bike der A2-Klasse; bei vollem Zwölf-Liter-Tank ergibt das gerade mal 155 Kilogramm fahrfertig. Diese Leichtigkeit merkt man ihr auf jedem Meter an. Selten war es so spielerisch einfach und entspannt, ein Motorrad durchs Kurvenkarussell zu bugsieren. Die 500er braucht nur leichte Lenkimpulse, um fast wie schwerelos von Kurve zu Kurve zu hüpfen. Dabei bleibt sie in Schräglage erstaunlich stabil, was sie ihrem Rahmen und ihrem Chassis verdankt.
Fantic wurde 2025 Moto2-Team-Weltmeister
Denn dabei orientierten sich die Techniker an ihren Erfahrungen aus der Moto2-WM, in der Fantic im letzten Jahr Team-Weltmeister wurde. Sie spendierten der Stealth 500 einen Verbundrahmen aus Stahlgitterrohr mit verschraubten Alu-Gussteilen; der Heckrahmen lässt sich abnehmen. Ganz im Supersportler-Stil sitzt die Airbox vorn unter der Tankattrappe, der Benzintank selbst steckt unter der Sitzbank. Zudem verlegten die Ingenieure mittels Massenzentrierung den Schwerpunkt weit nach unten und in die Fahrzeugmitte. Alles zusammen soll der Fantic Stealth 500 zu "hoher Präzision in kurvigen und schnellen Passagen" verhelfen, so der Hersteller.
Fantic Stealth 500 auf dem Passo Viamaggio
Unter Beweis stellt die Fantic Stealth 500 das auf dem Passo Viamaggio. Der verbindet Rimini mit der Toskana und diente wegen seiner anspruchsvollen Kurvenkombinationen schon dem legendären Entwickler Massimo Tamburini zur Erprobung der Ducati 916 und der MV Agusta F4. Die Fantic Stealth 500 meistert den fordernden Parcours mühelos und zügig, ihr Einzylinder scheint ständig nach mehr zu gieren. Für einen 45-PS-Motor klingt das erstaunlich, doch der Eintopf holt aus seinen 463 Kubik tatsächlich viel heraus.
Leichterer Kolben und 1 PS mehr
Entwickelt wurde er im Motorenwerk Minarelli in Bologna, das Fantic gehört; er steckt bereits im Scrambler Caballero 500 (Fahrbericht in MOTORRAD 2/2026). Für den Einsatz in der neuen Fantic Stealth 500 verpassten ihm die Techniker einen leichteren Kolben, kitzelten 1 PS mehr aus ihm heraus und stimmten ihn feuriger ab, wobei sich die Vibrationen, eigentlich ein typisches Kennzeichen von Einzylindern, in Grenzen halten und nur an den Fußrasten zu spüren sind.
Bei 3000/min kommt der Antrieb kernig auf Touren, legt ab 7.000/min noch eine kräftige Schippe drauf. Dann zieht er die Fantic Stealth 500 energisch aus den Kurven und schnalzt sogar bis 10.000/min hoch.
Beifahrersitzbank und hintere Fußrasten schnell abmontiert
Womit auch der Name "Stealth" erklärt wäre, der sich vom Tarnkappenbomber herleitet: Bei niedrigeren Drehzahlen als freundlich-harmloses Naked Bike getarnt, packt die Fantic Stealth 500 unter Druck ihr großes Sportlerherz aus. Fantic unterstreicht das mit entsprechenden Features: Beifahrersitzbank und hintere Fußrasten kann man schnell abmontieren, das ABS lässt sich im Fahrmodus "Track" hinten ganz abschalten, vorn auf dezenteres Eingreifen reduzieren. Dazu passt die schneidige Optik mit großflächigen Grafiken wahlweise in Weiß-Rot oder Schwarz-Acid-Green.
Test auf dem Passo dello Spino mit Curbs in den Kurven
Wir nähern uns dem Passo dello Spino, unter italienischen Motorradfahrern wegen seiner mit Curbs versehenen Kurven bekannt und beliebt. Anfang Mai steigt hier das alljährliche Bergrennen, zu den Curbs haben sich als Streckensicherung jede Menge Heuballen im rot-weißen Plastikkleid gesellt. Ganz instinktiv kommt bei diesem Anblick Straßenrennen-Atmo auf. Also kurz die Sitzposition gerichtet, Gas auf und hinein ins Getümmel der Kurven. Die bieten, oft als 180-Grad-Parabolika angelegt, eine gute Sicht auf den Kurvenausgang und unterstützen damit zügiges Herausbeschleunigen. Flink spurtet die Fantic Stealth 500 den Pass hinauf – ihre Leistung ist immer da, wenn sie aufgerufen wird.
Überfordern sollte man die Fantic Stealth 500 allerdings nicht: Nur wer einen runden, harmonischen Fahrstil pflegt und auf hartes On/Off verzichtet, wird mit jeder Menge Fahrspaß belohnt. Die Testerin jedenfalls verspürte während der ganzen Probefahrt keinen Leistungsmangel. Zumal die Fantic Stealth 500 auf einer vierspurigen Schnellstraße, die als kurze Verbindungsetappe diente, immerhin 165 km/h schaffte, ohne überanstrengt zu wirken – eine mehr als ordentliche Vorstellung der 500er.
Fantic Stealth 500 für 6.490 Euro
Für 6.490 Euro hat Fantic mit der Stealth ein ansprechendes Paket geschnürt: LED-Licht rundum, Kurven-ABS, vier Fahrmodi, kräftige Bremsen, TFT-Display mit Smartphone-Konnektivität, Pirelli Diablo-Rosso-Reifen. Zwar wird sich nicht jeder Mitteleuropäer mit ihren kompakten Formen anfreunden können. Doch die sind nun mal der Preis, den ihre betörende Leichtigkeit fordert.












