Chris Pfeiffer Nachruf Markus Jahn

Zum Tod von Chris Pfeiffer

Zum Tod von Chris Pfeiffer „Danke dafür, dass du warst, wer du warst“

Anlässlich des tragischen Todes des Motorrad-Freestyle-Akrobaten und mehrfachen Weltmeisters Chris Pfeiffer haben zwei MOTORRAD-Redakteure ihre sehr persönlichen Erinnerungen an den Allgäuer aufgeschrieben.

Erinnerungen von Mona Pekarek: "Komm doch rein bei dem Regen, ich hab die Heizung an. Schuhe kannsch anlassen!" Hier schreibt keine Freundin. Keine langjährige Wegbegleiterin. Dennoch und gerade deswegen möchte ich erzählen, wie Chris mich mit einer Wurstsemmel in der Backe in sein Wohnmobil einlud, nur um stundenlang zu warten, bis es zu regnen aufhörte und wir unsere Fotos mit seinem Projekt "Stunt-Monkey" schießen konnten. War mir das unangenehm! Wir raubten ihm nen ganzen Tag, ohne Bezahlung. Was Chris dazu sagte: "Ach ich hab Zeit, das wird ne coole Gschichte." Es regnete weiter. Also redeten wir: Über gemeinsame bekannte Trial-Familien, über das Erzbergrodeo, die Steilwand in Arco, die mir unser Top-Tester Karsten Schwers 2018 ehrfürchtig zeigte, über den Kipppunkt, über Wurstsemmeln, die er eigentlich nur isst, wenn er unterwegs ist, über Elektromotorräder (Sie werden an ihn denken und ihm recht geben: "Die Dinger machen einfach Laune!"), über Fahrradfahren mit seiner Familie, über Wheelies, über seine neue Monkey, die irgendwie lacht, wenn er sie aus der Garage zieht, über Basteln an seinen Zweirädern, über learning by doing, über eine Goldwing auf dem Hinterrad.

Es hatte aufgehört, wir trockneten seine kleine Honda ab. Was er dann tat war Kunst. Chris beim Fahren zuzusehen war unglaublich. Für mich in dem Moment fast noch unglaublicher: "Kannsch fahrn, die Zündung ist da unten." Das war 2021. Meine kläglichen Versuche auf seiner eigenhändig umgebauten Monkey und seine ermutigenden Tipps zum Mini-Wheelie werde ich nicht vergessen.

Was ich sagen möchte: Wir kannten uns kaum, dennoch bot er mir seine zweite Wurstsemmel in seinem Wohnmobil an. Chris war eine Ikone, eine Legende, aber eigentlich war er einfach der Chris aus dem Allgäu, der gern und verdammt gut Zweiräder bewegt. Absolut bescheiden, absolut nahbar und einfach cool. Chris war ein cooler Typ. Und egal mit wem man spricht, mit den Trialern draußen auf dem Gelände in Steingaden, mit Knipser, dem Fotografen auf dem Rückweg, mit Fans, mit ehemaligen "Rivalen" im Trial und Enduro – Chris war ein cooler Typ. Da sind sich alle einig.

Mehr als cool ist ihr nicht eingefallen? Es ist schwer, Worte zu finden. Hier also eine weitere Erinnerung, die mir durch den Kopf geht: Zum ersten Mal trafen wir – Kollege Tobias, dessen Freundin Jenny und ich – Chris bei seiner Familie und ihm zuhause, Testfahrt mit der damals brandneuen Cake Kalk. Ich wiederhole mich, aber Sie werden an ihn denken, wenn sie das nächste Mal auf einem Elektromotorrad grinsen. Er hat es vor Ihnen gewusst! Und er wollte, dass wir es auch wissen: Jenny hatte keine Geländeerfahrung. Was Chris also tat: Er brachte es ihr bei, in seinem Garten, ohne Zeitdruck, ohne Macho, ohne Angeben, dafür mit Geduld und Herzblut, mit Elan und Freude. "Ohne ihn wäre ich da nicht gefahren!" Das war 2019. Bis heute redet Jenny oft davon, wie cool das war. Und wie cool er war. Schon wieder cool. Aber wissen Sie jetzt, was ich meine?

Was ich sagen will ist ... Ich weiß es nicht. Ich bin traurig. Darüber, dass wir vielleicht nur dachten, dass alles cool ist. Darüber, dass eine Depression eine schwere Krankheit ist und dies noch immer nicht alle Menschen wissen. Und darüber, dass die Inspiration, die wir, die seine Fans und viele junge Motorradfahrer und -fahrerinnen durch ihn erfuhren, nun für immer ausreichen muss. Denn einen zweiten wie Chris Pfeiffer wird es nicht geben.

Danke Pfiff. Dafür, dass du warst, wer du warst.

Erinnerungen von Mike Schümann: Vollkornnudeln. Die Kinder waren gerade von der Schule heimgekommen, und du hattest eine Schüssel voller dampfender brauner Vollkornnudeln in den Händen. "Magst net no zum Essen bleibe? Isch g‘nug da!" Deine Frau kam erst am Nachmittag, die Tomatensauce mit Basilikum hatte sie schon vorbereitet. Du solltest sie nur zu Mittag warm machen. Gern nahm ich die Einladung an. Wir saßen draußen auf eurer Terrasse in der Sonne. Es war Juli 2016, Blick aufs Ammergebirge. Die Kinder plapperten durcheinander, du fragtest, wie es in der Schule war. Die Nudeln schmeckten prima.

Nach dem Abräumen wolltest du weiter über früher reden. Über deine Auftritte auf sämtlichen Erdteilen. Deine Shows, die du mit deinen Bikes in 94 Ländern dieser Erde gegeben hast. Deine ganze Logistik, die dafür nötig war. Fünf Stunt-Motorräder, BMW F 800 R. Vier immer in flugfähigen Holzkisten verpackt, irgendwo per Luftfracht unterwegs; eine auf dem Weg nach Tiflis, Georgien, eine andere noch auf Sri Lanka im Zoll. Und eine immer daheim im Allgäu. Zum Üben auf deinem Trainingsgelände nebenan. Über 90 Auftritte in einem Jahr. Du warst auf der Welt unterwegs wie ein Rockstar, du warst so stolz darauf. Viermal Weltmeister. Viermal Europameister. Jetzt dreifacher Vater. Du wolltest immer weiter erzählen, in Heften, Büchern und Fotoalben blättern. Für einen Reporter ein Glücksfall.

Ein Jahr zuvor hattest du offiziell damit Schluss gemacht. Du warst 45, Zeit, beide Räder am Boden zu lassen, die Karriere als "Stunt-Profi" zu beenden. "Stunt" – ein Begriff, den du nie mochtest, aber irgendwann akzeptiertest. Als ich 2015 bei euch im Allgäu anrief, um dich zu diesem Termin zu bitten, ein Rückblick für MOTORRAD, ein "Best of Chris Pfeiffer", da hattest du Depressionen, warst in Behandlung, wie mir deine Frau Renate am Telefon sagte. Von der Bildfläche verschwunden. Jetzt, ein Jahr später, warst du offenbar überm Berg. Die Welt wirkte in Ordnung. Als ich das Wort "Depressionen" erwähnte, da nicktest du nur. Sagtest, es wäre dunkel gewesen, aber jetzt alles gut. Zeigtest mir deine Pokale in den Vitrinen und die Zweitakt-Ardie in der Garage, die du gerade am Renovieren warst. Es waren helle Tage.

Wir telefonierten zwei Wochen drauf nochmal, als die Geschichte im Heft erschien. "Best of Chris Pfeiffer." Du fragtest, ob ich mir nicht ein "Best of, Teil 2" vorstellen könnte. Später sah ich dich nur noch auf Facebook. Beim Skitouren-Gehen, beim Bergsteigen, beim Mountainbiken. Hörte, dass du schwedische Elektromotorräder importieren wolltest. Du wirktest zufrieden. Irgendwann muss die Dunkelheit aber zurückgekommen sein. Härter denn je hat dich die Krankheit erwischt. Du wolltest das nicht. Sicher nicht. Aber auch deine Familie litt Qualen. Dich so zu sehen, muss schrecklich gewesen sein.

Am 12. März 2022 hast du den letzten Ausweg gewählt. Es war der bisher sonnigste Vorfrühlings-Samstag des Jahres. Doch deine Dunkelheit war übermächtig.

An jenem Samstag hat sich Chris Pfeiffer mit 51 Jahren auf seinem Trainingsgelände das Leben genommen.

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