Da steht sie, die wintererprobte Aprilia Tuareg 660. Sie ist Erstzulassung Oktober 2022, erste Hand, ist knapp über 11.000 Kilometer gelaufen und scheckheftgepflegt. Zudem mit einem leichten Endschalldämpfer und ordentlichem Motorschutz ausgestattet. Letzterer zeugt mit Gebrauchsspuren von Einsätzen und einem Leben abseits des Asphaltbandes. So viel zur Haben-Seite. Eher unattraktiv der angeranzte Gesamtzustand der Aprilia und die seit 11 Monaten abgelaufene Hauptuntersuchung.
Schlechte Kombination: Abenteuer, wenig Pflege und Winterbetrieb
Woher der bedauernswerte Zustand kommt? Aus der Kombination von artgerechter Nutzung, unterdurchschnittlicher Pflege und Winterbetrieb! O-Ton des Eigentümers: "Ich liebe dieses Motorrad. Sie hat mich im Winter zum Nordkap getragen und der Wüstentrip mit ihr war ebenfalls herrlich! Einfach ein traumhaftes Bike für solche Abenteuer."
Schön, dass ein Adventurebike entsprechend seinem Talent genutzt wurde. Weniger schön, wenn nach den fordernden Einsätzen nicht mit gesteigerter Pflege reagiert wird.
Salz, Sand, Korrosion – und die zentrale Frage
Im Falle der Tuareg 660 haben Streusalz, Wüstensand und Zurückhaltung bei der zeitnahen Reinigung ganze Arbeit geleistet. Der erste Kettensatz wurde nur 10.000 Kilometer alt, Korrosion nagt an vielen Schraubenköpfen, selbst Gewinde sind verrostet, und am Motorgehäuse – dort vor allem an den lackierten Gehäusedeckeln – platzt der Lack ab. Hier korrodiert bereits das Aluminium und unterwandert den Lack. Zurück bleiben hässliche Oberflächen, die munter weiter oxidieren und sich stetig vergrößern.
Was direkt die Frage aufwirft, ob das Motorrad bei besserer Pflege oder bei entsprechender Vorbereitung den Winterbetrieb besser überlebt hätte. Und weiterführend, was man vorbereitend auf die Winterfahrten hätte tun können, um derlei ausufernde Schäden zu vermeiden.
Bestandsaufnahme beim Pflegeprofi
Um dies herauszufinden, besuchen wir die Reinigungs- und Pflegespezialisten von Dr. Wack in Baar-Ebenhausen. Als Entwickler und Hersteller der S100-Pflegeprodukte für Motorräder wissen sie ganz genau, mit welchen Mitteln welche Oberflächen zu behandeln sind und was sich damit bewirken lässt. Sie haben zudem bereits bei einer Fahrzeugaufbereitung (MOTORRAD 24/2023) Wunder bewirkt und eine als "rattig" zu bezeichnende Suzuki GSX 750 AE, Baujahr 2003, in ein durchaus ansehnliches Zweirad zurückverwandelt. Sie wissen aber auch, was eben nicht mehr geht, sprich, was nicht mehr zu retten ist.
Zerlegen vor der Wäsche: Der Blick unter die Verkleidung
Also frei ans Werk: Vor der Grundreinigung mit dem Hochdruckreiniger werden Motorschutz, Sitzbank sowie Tankabdeckung und Windschild demontiert. Der sich bietende Anblick sorgt schlicht für Ernüchterung und belegt die zaghaften Pflegebemühungen an der Tuareg. So findet sich Sahara-Sand im Hinterrad bei den Ruckdämpfergummis – oder aber klar ersichtlich auf der Benzinpumpe unterhalb der Sitzbank. Rostige Schraubenköpfe allerorten, vollkommen verrostete Trägerplatten der Bremsbeläge und oxidierte Widerlager von Verkleidungsschrauben, vergammelte Speichennippel an beiden Rädern sowie die unterwanderten Oberflächen an den Motorgehäusedeckeln zeichnen ein trauriges Bild. Hier und da kleben noch Reste von zu reichlich aufgetragener Politur, die wohl bei einem späten, verzweifelten Rettungsversuch eingesetzt wurde.
Der Schaden: Was Winterbetrieb und Vernachlässigung kosten
Der Winterbetrieb der Tuareg 660 samt schlechter Pflege hat seinen Preis – und zwar einen deftigen. Die Speichen lassen sich nicht mehr spannen, die Motorgehäusedeckel sind korrodiert.
- Vorderradfelge neu ca. 610 Euro
- Hinterradfelge neu ca. 715 Euro
- Oder beide Räder neu einspeichen ca. 350 Euro
- Deckel Wasserpumpe mit Dichtung ca. 75 Euro
- Deckel Lichtmaschine mit Dichtung ca. 230 Euro
- Kupplungsdeckel mit Dichtung ca. 185 Euro
- Plus diverse Schrauben und Muttern
Reinigung: Erst Kette, dann Schaum, dann Handarbeit
Luca legt los. Und zwar an der Kette, denn der Kettenreiniger aus der S100-Reihe muss länger einwirken (10 bis 15 Minuten) als das Power Bike Shampoo, mit dem die Aprilia danach eingesprüht wird. Am Ende der Einwirkzeit des Kettenreinigers wird die Kette mittels spezieller Bürste mechanisch gereinigt. Nun folgt das Aufbringen des Shampoos auf das Gesamtfahrzeug. Dies kann auf zweierlei Wegen geschehen: Entweder man sprüht es aus einem Vorratsbehälter direkt mit dem Hochdruckreiniger oder einer externen Sprayflasche auf – oder man mischt es mit Wasser in einem Eimer und trägt es mit einem Schwamm auf. Eindrucksvoller ist sicherlich die Schaum-Variante, die das Motorrad kurzfristig in eine Skulptur verwandelt.
Nächster Schritt ist das Abspülen per Wasserstrahl und die Begutachtung des Ergebnisses. Bei extrem verschmutzten Motorrädern diesen Schritt wiederholen.
In unserem Fall tragen wir nochmals eine Lage Shampoo auf und beginnen mit der manuellen Reinigung mittels Pinsel, Waschhandschuh und Scrub Pad. Während mit Pinsel und Waschhandschuh auch die kleinsten Ecken erreicht werden, erzielt das Scrub Pad auf glatten Oberflächen, beispielsweise der Sitzbank, klasse Ergebnisse. Danach wird das Bike wieder mit klarem Wasser abgewaschen und mit Luftdruck und Vliestüchern getrocknet. Nun folgt der zweite Schritt, die Oberflächenbehandlung und Versiegelung.
Konservierung: Wo Mittel helfen – und wo die Grenzen liegen
Alle rostigen Schraubenköpfe, die Fußrasten sowie die korrodierten Motorgehäusedeckel werden mit Flugrostentferner eingesprüht – ein Versuch, den vorhandenen Rost zu entfernen. Und ein Versuch, der leider scheitert, da die Oberflächen bereits zu stark beschädigt sind. Hier erreichen wir die Grenzen der Chemie und müssen uns der teils weit fortgeschrittenen Oxidation geschlagen geben.
Versiegeln nach der Wäsche: Die Schritte für den Winteralltag
Nach dem Abspülen des Flugrostentferners geht die Konservierung weiter. Die frisch geschrubbte Sitzbank wird mit Sitzbankpflege eingerieben und erstrahlt im Neufahrzeugzustand. Die Tankabdeckung sowie der Windschild werden poliert und sehen danach ebenfalls wie Neuteile aus.
Was nun folgt, sind die Schritte, die vor allem im Winter nach Fahrten auf salzigen Straßen und der Reinigung des Motorrads durchgeführt werden sollten. Die trockene Kette mit Kettenspray einsprühen, dann sich den restlichen Oberflächen zuwenden.
Am trockenen Bike alle matten Kunststoffflächen z. B. mit S100 Farbauffrischer einsprühen, diesen dünn auftragen und mit einem weichen, kurzflorigen Tuch ordentlich verreiben. Der Farbauffrischer konserviert und schützt den Kunststoff, ohne dabei (wie z. B. Silikonspray) Staub zu binden.
Auf lackierten Oberflächen Lack- oder Kunststoffpolitur verwenden und danach mit Wachsspray versiegeln. Danach metallische Oberflächen (Motor) mit Korrosionsschutz behandeln und bewegliche Teile wie Fußrastengelenke, Schalthebellagerungen etc. mit Multiöl einsprühen. Wer dies konsequent macht, kommt gut durch die salzige Zeit und erhält den Wert seines Motorrads.
Pflegetipps für Winterfahrer: Checkliste für Werterhalt
Dr. O.K. Wack Chemie bietet mit der S100-Produktserie spezialisiert Reinigungs- und Pflegeprodukte für Motorräder an. Mitbewerber haben ähnliche Produkte, die Reihenfolge der Motorradvorbereitung für den Winterbetrieb – und somit für den Werterhalt – bleibt gleich.
- Fahrzeug mit Reiniger oder Shampoo gründlich reinigen und trocknen. Dazu neben einem Hochdruckreiniger oder Wasserschlauch Schwämme oder praktische Waschhandschuhe nutzen. Beim Trocknen unterstützt Druckluft aus einem Kompressor hervorragend.
- Kette mit Kettenreiniger und Kettenbürste reinigen, trocknen und schmieren. Dies im Winter öfter machen als im Sommer.
- Lackteile mit Lack- und Kunststoff-Politur polieren und mit Wachs versiegeln
- Unlackierte Kunststoff- und Gummiteile zum Beispiel mit S100 Farbauffrischer pflegen. Dieser hat gegenüber Silikonspray den Vorteil, dass er keinen Schmutz bindet.
- Matte Oberflächen mit Wachs-Spray behandeln.
- Sitzbank mit Sitzbankpflege behandeln.
- Alle Metallteile mit Korrosionsschutz behandeln, vorher bei Bedarf mit Metallpolitur auffrischen.
- Kühlflüssigkeit checken – vor allem der Frostschutz sollte gegeben sein.
- Bremsflüssigkeit kontrollieren, bei Bedarf austauschen.
- Motorölstand checken.
- Alle beweglichen Teile (zum Beispiel Ständer, Bowdenzüge) und exponierte elektrische Kontakte mit Multispray oder Kriechöl (S100 Das Multi Öl, WD 40, Balistol etc.) schmieren.
- Reifenprofil checken und Reifendruck prüfen. Abgefahrene Reifen haben eine schlechtere Nass-Haftung als neue Reifen mit großer Profiltiefe.
- Beleuchtung überprüfen.
- Ladezustand der Batterie prüfen.
- Goldene Regel: das Motorrad nach Fahrten auf gesalzter Straße sofort reinigen, trocknen und konservieren!












