Autoführerschein + B196: Warum so viele PS elektrisch erlaubt sind?

Wie man mit dem B196 richtig schnell fahren darf Kleiner Schein mit mächtig Elektro-Bumms

Der A1-Führerschein und der Autoführerschein mit der B196-Erweiterung erlauben nur 11 Kilowatt Leistung – bei Verbrennern. Elektrisch ist deutlich mehr Leistung möglich. MOTORRAD erklärt warum.

Kleiner Schein mit mächtig Elektro-Bumms Zero/BMW/Alrendo/Lang

Das Thema boomt, vor allem die Schlagzeile "Mit 16 Jahren schon 60 PS fahren", macht derzeit die Runde. Das stimmt. Und entspricht trotzdem nicht der Realität. Richtig ist: Mit dem A1-Schein oder dem um die Schlüsselzahl B196 erweiterten Autoführerschein ist es nicht verboten, mit einem elektrischen Motorrad deutlich mehr als die landläufigen 11 Kilowatt Leistung einer 125er zu fahren. Selbst die 59 Elektro-PS einer Zero S sind weder gefährlich noch risikoreich, denn diese hohe Leistung liegt nur einen kurzen Moment an. Viel wichtiger ist das hohe Drehmoment von 109 Nm, das der Motor liefern kann und selbst die kommen im Falle der Zero handzahm auf die Straße. Risiko? Gefahr? Nur, wenn man beide unbedingt sehen möchte.

Warum 59 PS und 109 Nm legal fahrbar sind mit der Autoführerscheinerweiterung B196, dem A1 oder dem alten 3er-Schein (bis 31. März 1980 erteilt) und welche elektrischen Motorräder mit über 15 PS sich mit dem kleinen Schein fahren lassen, erklärt und zeigt MOTORRAD.

B196 und die hohen Elektro-PS

Den Grund für die vergleichsweise hohe elektrische Leistung in den Regularien der Fahrerlaubnisverordnung (FEV) zu suchen, liegt nahe, führt aber nicht zum Ziel. Die entsprechenden Paragrafen 6 und 6b grenzen Hubraum (auf maximal 125 Kubik) ein und legen die Motorleistung auf maximal 11 Kilowatt fest. Von elektrischen Fahrzeugen steht hier nichts. Ein Puzzleteil gibt die deutsche Fahrzeug-Zulassungsverordnung (FZV). Im Paragraf 2,10 FZV werden Kleinkrafträder mit einer Nennleistung von nicht mehr als 11 Kilowatt klassifiziert. Und das ist der wichtige Hinweis: Nennleistung.

Die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa (UNECE) schreibt in der Regelung Nummer 85 vor, wie die Nennleistung von Fahrzeugmotoren gemessen wird. Die Nennleistung eines Verbrenners meint das maximale Drehmoment und die Höchstleistung bei voll geöffneter Drosselklappe. Beim Elektromotor ist das anders: Nennleistung ist die mittlere Leistung, die der Motor bei der vom Hersteller genannten Drehzahl über die Dauer von 30 Minuten leisten kann, nachdem er bereits drei Minuten bei 80 Prozent der Höchstleistung gelaufen ist. Jedoch: Die Drehzahl muss mindestens 90 Prozent der Drehzahl der Höchstleistung entsprechen. Die Spitzenleistung des E-Motors kann nach dieser Vorschrift deutlich über 11 Kilowatt liegen, wird erfahrungsgemäß aber nur für einen kurzen Augenblick erzeugt.

Keine Angst vor Drehmoment

109 Nm ab Umdrehung Eins klingen viel und sind es, wenn sie wirklich anliegen. Im Falle der Zero S überfällt das Drehmoment das Hinterrad nicht wie ein Barbar. Die Kraft ist in niedrigen Geschwindigkeitsbereichen so fein gesteuert, dass selbst bei kalt-feuchten Straßen am Kurvenausgang gelassen Vollgas gegeben werden könnte, wenn man das wollen würde. Und das selbst mit einer eher schwachen Serienbereifung. Die tatsächlichen 109 Nm drücken erst spätestens – so die ErFAHRung im Pendlertest – ab 50 km/h. Wer ab dieser Geschwindigkeit Vollgas gibt, bekommt den gerne zitierten 'Tritt ins Kreuz'. Der lässt bei der Zero bereits ab 120 km/h bis zur Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h spürbar nach.

Die Zero S 11 kW wird vom hauseigenen ZF 75.7-Motor angetrieben, der maximal 44 Kilowatt bei 5.300 Touren liefert und bis 7.500/min dreht. Sprich: Die einzuhaltende Drehzahl für den 30-Minuten-Test liegt zwischen 4.770 und 5.300/min, je nachdem, was der Hersteller zwingend angibt. Bei dieser genannten Drehzahl muss der Mittelwert der Dauerleistung 11 Kilowatt ergeben und die Abweichung darf nur +/- 5 Prozent über die Zeit betragen. Es muss also einen Drehzahlbereich geben, in dem Drehmoment und Leistung kurzzeitig sehr stark steigen. Diese Zahlen unterstreichen das Fahrgefühl mit dem enorm starken Fahrbereich zwischen 50 und 120 km/h. Danach wird das Drehmoment gefühlt gedrosselt, durch die höhere Motordrehzahl bleibt die Leistung aber wohl gleich hoch.

Zero S 11kw Pendlertest
Elektro

Wie viel PS braucht ein Motorrad?

Wer den durchschnittlichen Luftwiderstand eines Motorrades berücksichtigt, kann die nötige Leistung für eine bestimmte Geschwindigkeit einfach errechnen. PS=(km/h) /53) ^3. Das ergibt für 100 km/h eine benötigte Leistung von nur knapp sieben PS. Um die 140 km/h der Zero S zu erreichen, muss der Motor nur 18 PS aufwenden. Jüngst haben die Tester von MOTORRAD das per Datarecording bei einem Supersportler bestätigt. Die 59 PS der Zero, die hier exemplarisch für alle Elektrokräder steht, dürften in den seltensten Fällen wirklich vom Motor in der Praxis abgerufen werden und nur bei den besagten 5.300 Touren kurzzeitig anliegen. Und darüber über ein gedrosseltes Drehmoment auf ein geringeres Maß sinken. Genauso fühlt sich der Motor der Zero ab 120 km/h an.

B196 und trotzdem viel Kraft

Wer mit seinem A1-Schein, Autoführerschein + B196 oder dem alten Dreier das Maximale auf zwei Rädern fahren möchte, dem bieten sich einige Optionen:

Zero S

Zero S 11kw Pendlertest
Patric Otto

Die Zero S ist mit 11 Kilowatt Nennleistung eingetragen und wird mit einer Spitzenleistung von 44 Kilowatt oder 59 PS beworben. Sie leistet maximale 109 Nm Drehmoment und wiegt dabei nur 185 Kilogramm. Reichweite: theoretische 288 Kilometer innerorts. Ladezeit 230 Volt: 9,3 Stunden von auf 95 Prozent. Preis: ab 17.040 Euro.

Zero DS

1000 Meilen Elektrisch
Electric Cycle Riders

Die Enduro-Version der S mit gleicher Technik, größeren Rädern und mehr Sitzhöhe. Reichweite mit theoretischen 262 Kilometer innerorts etwas niedriger, dafür zum gleichen Preis. Der Akku beider Modelle hat eine Kapazität von 14,4 kWh.

BMW CE 04

Fahrbericht BMW CE 04
BMW Motorrad

Der neue Elektroroller von BMW ist seit 2022 am Markt und kann ab Werk auf 11 Kilowatt Nenndauerleistung gedrosselt werden. Die Maximalleistung gibt BMW in diesem Fall mit 23 Kilowatt oder 31 PS an. Offen hat der CE 04 15 Kilowatt Nennleistung und 31 Kilowatt maximal. Der Akku hat eine Kapazität von 7,7 kWh und soll 100 Kilometer Reichweite als 11-kW-Version bieten. Ladezeit: 3,3 Stunden von bis 100 Prozent. Höchstgeschwindigkeit: 120 km/h. Preis: ab 11.990 Euro.

Alrendo TS Bravo

Alrendo TS Bravo Elektromotorrad
Alrendo

Die TS Bravo ist ein Exot auf dem europäischen Markt. Das Mittelmotorkonzept bietet neben den 11 Kilowatt Nennleistung bis zu 58 Kilowatt Spitzenleistung. Das Drehmoment liegt bei 117 Nm und soll die Bravo auf 135 km/h beschleunigen. Der Akku hat eine Kapazität von 17,4 kWh und soll 150 Kilometer Reichweite ermöglichen. Gewicht: 245 Kilogramm. Ladedauer: 4,0 Stunden von auf 100 Prozent. Preis: ab 11.000 Euro.

Rgnt Number One

RGNT No. 1 Classic Fahrbericht
Rossen Gargolov

Die beiden sehr klassisch gehaltenen Rgnt-Modelle Classic und Scrambler aus Schweden werden von einem Radnabenmotor angetrieben, der eine Nenndauerleistung von neun Kilowatt hat. Die Spitzenleistung liegt mit 21 Kilowatt weit darüber. Rgnt gibt ein Gewicht von 160 Kilogramm an. Die Akku-Kapazität von 9,5 kWh soll die Kräder theoretisch 150 Kilometer weit bringen. Höchstgeschwindigkeit 120 km/h. Ladedauer: 3,0 Stunden. Preis: ab 14.495 Euro.

Fazit

Es klingt wild und chaotisch: Durch gleiche Worte mit unterschiedlichen Deutungen ist es möglich, mit dem A1-Führerschein oder dem um die B196 erweiterten Autoführerschein derzeit bis zu 59 Elektro-PS fahren zu dürfen. Die Nennleistung von Verbrenner- und Elektromotoren in Fahrzeugen wird von der EU unterschiedlich definiert. In der deutschen Zulassungsordnung sind Leichtkrafträder, also landläufig 125er, rein nach Nennleistung, Mindestgewicht und Hubraum definiert. Die behördliche Nennleistung ist die technische Dauerleistung für E-Motoren und immer deutlich niedriger als die Spitzenleistung. Und die deutsche Fahrerlaubnis-Verordnung referiert bei den Fahrklassen A1 und B196 ebenfalls nur auf die Zulassungsordnung.

Jedoch: Das bedeutet nicht, dass im Falle der Zero S Berge von Drehmoment über das Rad herfallen, ständig die maximalen 59 PS drücken und der Ritt auf der Kanonenkugel auf dem Programm steht. Tatsächlich kommt das Drehmoment bei diesem Modell sehr fein moduliert an, keine Spur von Überfall. Selbst bei feuchten Straßen und Kälte überfordert die Zero ihre/n Fahrer/in nie. Und die PS? Da nach Norm die elektrische Nennleistung bei mindestens 90 Prozent der Höchstdrehzahl geprüft werden, sind die zusätzlichen PS eher als Boost zu sehen.

Und die Geschwindigkeit? Mit ihren 59 PS wird die Zero S 140 km/h schnell. Doch für diese Geschwindigkeit braucht ein Motorrad nur um die 18 PS Leistung. Das liegt zwar leicht über der Nennleistung von 125er-Verbrennern, aber von einer Leistungsorgie sollte keine Rede sein.

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