Ein kurioser Fall, den MOTORRAD-Leser Benedikt Reetz da schilderte: Er fiel mit seiner zwei Jahre alten Fantic Caballero 700 bei der Hauptuntersuchung(HU) durch – wegen der montierten Radialreifen. Denn für das Motorrad, so der Prüfer, seien im Schein ausschließlich Diagonalreifen vorgesehen. Daher werde eine Abnahme für 160 Euro erforderlich – plus Eintragungskosten bei der Zulassungsstelle. Und das, obwohl Radialreifen die modernere Bauart und damit fast immer die bessere Wahl sind.
Problem mit der Typgenehmigung
Nun kennen Besitzer älterer Maschinen den Hickhack um erlaubte Reifen, seit die Freigabe durch die Reifenhersteller nicht mehr reicht. Bei der Caballero 700 handelt es sich aber um ein Modell, das erst 2023 auf den Markt kam und das über eine europäische Konformitätsbescheinigung(CoC) verfügt. Zudem wird die Caballero mit genau den beanstandeten Radialreifen ab Werk ausgeliefert. Hat also Fantic bei der Eintragung einen Fehler gemacht? Nein, sagt man beim Hersteller in Italien.
Vielmehr habe man den Kunden freistellen wollen, ob sie später weiterhin Radial- oder günstigere Diagonalreifen aufziehen möchten. Im CoC, also der europäischen Typgenehmigung, werde auch gar nicht nach der Bauart des Reifens gefragt. Weshalb Fantic nur die Reifengröße 19 bzw. 17 Zoll eintragen ließ, ohne ein R für den Radialreifen davor. Bislang, so Fantic, habe es damit nirgendwo Probleme gegeben. Außer eben jetzt in Deutschland. Denn hierzulande wird der Bindestrich vor der Größenangabe, im konkreten Fall 110/80-19 und 150/70-17, als stellvertretend für Diagonalreifen gewertet – und zwar als unabdingbar vorgeschrieben. Davon ist jedoch in der Europanorm ECE-R75, der Rechtsgrundlage für die Homologation, nirgends die Rede.
Europäische und deutsche Vorschriften im Konflikt
So sieht das auch Christoph Gatzweiler, Ressortleiter Technik beim Industrieverband Motorrad(IVM): "Die europäische Typgenehmigung sieht nicht vor, dass der Fahrzeughersteller eine Reifenbauart zwingend vorgeben muss", so der Diplom-Ingenieur. Das Gegenteil sei der Fall: "Im delegierten Rechtsakt 3/2014/EU über die konstruktiven Vorschriften steht im ‚Anhang XV Montage der Reifen‘, dass grundsätzlich genug Freiraum für Diagonalreifen vorhanden sein muss." Denn Diagonalreifen dehnen sich aufgrund ihrer Bauart bei höherem Tempo weiter aus als Radialreifen, auch dann muss noch genug Abstand zum Schutzblech bleiben. Andernfalls kann der Motorradhersteller Radialreifen vorschreiben, die sich nur minimal ausdehnen. Dann sind Diagonalreifen nicht erlaubt. "Erfolgt aber im Rahmen der Typgenehmigung keine Einschränkung durch den Hersteller, dann sind alle in der Europanorm ECE-R75 genannten Bauarten zulässig", so Gatzweiler.
TÜV Süd und das Bundesverkehrsministerium
Anders sieht das der TÜV Süd. In einer seiner Prüfstellen war Leser Reetz mit seiner Caballero durchgefallen. Auf Anfrage schreibt die Organisation, "dass ein Radialreifen vor der Angabe des Felgendurchmessers den Buchstaben R erhält, ein Diagonalreifen keine Angabe (was dem "-" entspricht) oder aber ein D… Die Angaben sind für unsere Prüfer bindend." Und zwar so bindend, dass ein Radialreifen fürs Durchfallen reicht, falls er nicht ausdrücklich im Schein steht. Merkwürdig ist allerdings, dass der TÜV Süd die Homologation der Caballero technisch betreut hatte – nur um ihre Reifen später zu beanstanden. Der TÜV Süd verweist zudem auf ein Schreiben des Bundesverkehrsministeriums, demzufolge auch die Bauart eines Reifens für die HU entscheidend ist – was das Ministerium auf MOTORRAD-Anfrage bestätigt. Wörtlich heißt es: "Eine Abweichung von der in der Typgenehmigung festgelegten Reifenbauart erfordert eine Begutachtung durch einen technischen Dienst oder eine technische Prüfstelle." Nur: Festgelegt hatte Fantic die Bauart ja gar nicht, sondern keine Angaben dazu gemacht. Die deutsche Interpretation "keine Angabe = Diagonalreifen" ist, vorsichtig gesagt, mehr als eigenwillig.
Lösung für Benedikt Reetz
Fantic-Fahrer Benedikt Reetz kam am Ende ohne kostenpflichtige Abnahme davon, weil der Prüfer nachträglich eine Unbedenklichkeitsbescheinigung von Fantic akzeptierte. Die hat Reetz jetzt immer dabei, ebenso zur Sicherheit die Reifenfreigabe von Pirelli. Weiteres Kuriosum in diesem an Merkwürdigkeiten reichen Fall: Im Programm des italienischen Reifenbauers, Erstausrüster von Fantic, gibt es übrigens keinen einzigen Diagonalreifen für die Caballero 700 – obwohl das Motorrad angeblich nur dafür homologiert ist.
Kommentar von Eva Breutel
Eva Breutel. So kann man Paragrafen zu Tode reiten: EU-weit darf die Fantic Caballero sowohl Diagonal- als auch Radialreifen tragen. In Deutschland nicht, weil hier die EU-Vorschrift überinterpretiert wurde. "Wir Deutschen schauen eben genauer hin als andere", heißt es zur Begründung in solchen Fällen gern. Nur: Diesmal haben die Bürokraten wohl nicht genau genug hingeschaut. Denn das Konformitätszertifikat CoC für Fahrzeuge dient ja dazu, europaweite Einheitlichkeit zu schaffen – nationale Alleingänge laufen dem absolut zuwider. Und ausgerechnet Radialreifen zu beanstanden, ist erst recht unsinnig: Da sie sich kaum ausdehnen, geht von ihnen garantiert keine Gefahr für Bauteile wie das Schutzblech aus. Was die Sachverständigen beim TÜV eigentlich wissen und entsprechend handeln sollten.
Radialreifen: Aufbau und Vorteile
Bei Radialreifen (Kennzeichnung: R) befinden sich unter der Lauffläche maximal zwei in Laufrichtung aufgewickelte Gürtellagen. Darunter liegt die namensgebende Radialkarkasse, deren Fasern senkrecht verlaufen und strahlenförmig (radial) zum Radmittelpunkt zeigen. Radialreifen dehnen sich auch bei hohem Tempo kaum aus; die ersten Radialreifen für Motorräder brachte Michelin 1987 auf den Markt.
Diagonalreifen: Aufbau und Eigenschaften
Bei Diagonalreifen (Kennzeichnung: D) stecken unter der Lauffläche mehrere Lagen aus Fasern, die diagonal verlaufen. Daraus ergibt sich eine sehr stabile Seitenflanke des Reifens, der sich aber bei höherem Tempo ausdehnt und damit verformt. Bei Gürtelreifen mit Diagonalkarkasse ("Bias-Belted", Kennzeichnung: B) wird diese Verformung durch den Einsatz eines Gürtels begrenzt.












