Supermoto-Flitzer für A2-Klasse: KTM 390 SMC R im Top-Test

KTM 390 SMC R im Top-Test
Im Slalom 5 km/h schneller als die BMW R 1300 R

ArtikeldatumVeröffentlicht am 13.01.2026
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Supermotos sind so etwas wie der ausgestreckte Mittelfinger gegen das allgegenwärtige GS-Establishment der Motorradfahrer. Mit wilden Wheelies, gewagten Stoppie-Einlagen und dem Drift immer dicht an der Sturzgrenze entlang und auch mal darüber hinaus pfeifen sie auf Alltagstugenden, Komfort und überbordende Technikfeatures. Hier steht der Spaß an reiner Dynamik im Mittelpunkt, es regiert die Unvernunft.

Klassenprimus KTM 690 SMC R

Dieses Szenario holt besonders den Motorradnachwuchs und jung gebliebene Alte ab, die sich trotz Schmerzen beim morgendlichen Aufstehen nicht mit altersgerechter Mobilität abfinden wollen. Für die Jungen, also die Zielgruppe zwischen 16 und 18 Jahren, bot und bietet die 125er-Klasse schon viele Optionen, sich im Bereich Supermoto auszutoben. Passende Spielzeuge stehen im Showroom von Aprilia, Fantic, SWM und vielen anderen.

Eine Klasse höher, im Reich der A2-Bikes, folgte bisher aber eine ausgewachsene Supermoto-Dürre. Wer viel Geld übrig hatte und sich nicht vom Drosselgespenst einschüchtern ließ, griff zum Klassenprimus 690 SMC R von KTM oder deren Geschwistern aus dem Haus Husqvarna oder GasGas.

KTM 390 SMC R für 6.299 Euro

Seit 2025 ändert sich das aber grundlegend, weil die Supermoto-Schmiede aus Österreich, der legitime Erfinder des großserientauglichen Driftgeräts, endlich in der A2-Klasse das passende Spielmobil auf den Markt schiebt – die KTM 390 SMC R . Die buhlt ab sofort, neben der demnächst ebenfalls erhältlichen DRZ-4SM von Suzuki, um die Gunst der Motorradjugend.

Wobei die KTM 390 SMC R schon jetzt einen Stich beim Kampf ums Käuferherz bereithält, der hochattraktiv ausfällt: ihr Preis. Mit gerade einmal 6.299 Euro steht sie in der Liste, kostet kaum mehr als viele 125er-Motorräder.

Steckt da noch ein Teufel im Detail, oder taugt die neue 390er-Supermoto als Empfehlung für Fans der gummizehrenden Schwarzmalerei mit A2-konformen Leistungsrestriktionen?

KTM 390 SMC R wiegt vollgetankt nur 163 Kilo

Die Spielwiese des Top-Test-Geländes liefert Aufschlüsse. Schon beim ersten Meter schieben – der Fotograf will für die Standard-Motive auf den Auslöser drücken – fällt auf, wie easy sich die neue KTM 390 SMC R handhaben lässt. MOTORRAD-gemessene 163 Kilogramm mit vollem, neun Liter fassenden Tank stellen selbst Zweirad-Novizen nicht vor Probleme.

Nachdem die Bilder auf dem SD-Speicher geparkt sind, darf der Hintern endlich auf der einteiligen Bank in 860 Millimeter Höhe Platz nehmen, die Hände fallen wie von selbst auf den breiten Lenker. Obwohl KTM auf der Homepage an dieser Stelle den Quervergleich zur 690er-Supermoto zieht, fällt die KTM 390 SMC R eine Spur kompakter als die große Schwester aus.

So erreichen tänzelnde Füße beim Balancieren im Stand immer sicheren Grundkontakt, während sich allenfalls langer Supermoto-Nachwuchs beim Trial-artigen Wenden mit langsamem Tempo über die Kollision von Knie und Lenker beschwert. Die Lösung: auf der Bank nach hinten rutschen – dann klappt das schon.

Die lässige Langsamfahreinlage mit der KTM 390 SMC R unterstreicht dabei, wie gut der 399 Kubik große Single selbst bei niedrigen Drehzahlen am Gas hängt, wie geschmeidig das Zusammenspiel aus hinterer Bremse, handkraftschonender Kupplung und dem Dreh rechts funktioniert. Klasse: Sowohl der Brems- als auch der Kupplungshebel lassen sich auf unterschiedliche Handgrößen anpassen.

Stellt sogar Schwester Duke 390 in den Schatten

Bevor sich die KTM 390 SMC R im folgenden schnellen Slalom beweisen muss, bringen ein paar Runden gleichmäßige Fahrt den Einzylinder auf Temperatur. Kaum vermeldet das breite, aber nicht sonderlich hohe, knackscharfe TFT-Display 40 km/h, fliegt per Schaltautomat/Blipper Gangstufe vier ins Getriebe.

Wer’s beim Gasaufreißen nicht übertreibt, schwimmt so auf der KTM 390 SMC R locker übers Top-Test-Gelände – oder durch Innenstädte. Nur in den Gängen fünf und sechs zuckt und murrt der Sumo-Antrieb; wenn zu wenig Drehzahl anliegt, peitscht die Kette wild.

Trotzdem: Unterm Strich gibt sich der Single der KTM 390 SMC R sehr geschmeidig, stellt sogar die Schwester Duke 390 in den Schatten, die zum direkten Vergleich bei der Überland-Verbrauchsfahrt mitrollen durfte. Trotz gleicher Power von 45 PS in der Spitze und ebensolcher Primär- wie Sekundär-Übersetzung marschierte die 390er-Sumo immer mit mehr Gentleman-Attitüde durchs Drehzahlband. Ein Unterschied, der zumindest bei den zwei KTM-Testbikes 390 Duke und SMC R zu spüren war.

Im Slalom-Test knapp hinter der 690er-Schwester

Der Alltag tritt nun wieder in den Hintergrund. Pure Performance rückt beim Top-Test in den Vordergrund. Und weil sich diese am besten im Vergleich messen lässt, steht als Sparringspartner für die KTM 390 SMC R eine 690er SMC R des Jahres 2014 bereit. Mit ihrer toll beherrschbaren Motorpower sowie dem klasse agierenden Blipper wischt der neue Einzylinder-Supermoto-Star beim schnellen Slalom um die Pylonen herum, braucht selbst beim engen Richtungswechsel nur wenig Aufmerksamkeit, um die Linie zu halten.

Selbst wenn die 690er in den einzelnen Slalom-Disziplinen mit ihrer Mehrleistung und dem strafferen Fahrwerkssetting leicht vor der jungen Schwester liegt, schlägt diese sich sehr achtbar.

Der aus der 390er-Duke bekannte Gitterrohrrahmen aus Stahl, dem KTM für die 390 SMC R einen angepassten Lenkkopf spendierte, sowie Gabel und Federbein mit jeweils 230 Millimeter Federweg funktionieren ohne große Anpassungen richtig gut beim Kurvenwetzen – um Top-Test-Hütchen oder durch jeden Landstraßenbogen. Nie sackt die 390er in sich zusammen, stemmt sich mit Vehemenz gegen Fliehkräfte, gefällt mit einer gelungenen Dämpfungsabstimmung vorn und hinten.

Wer dennoch etwas ändern möchte, klickt sich bei der 43er-Upside-down-Gabel durch die Zug- und Druckstufe, während beim direkt angelenkten Dämpfer Zugstufe und Vorspannung verstellbar sind.

Gabel mit mauem Ansprechverhalten

Erst wenn das Tempo weniger Richtung Attacke zielt, eher Alltag und Gleichmäßigkeit im Fokus liegen, fällt die WP-Gabel unangenehm auf. Beim Mitschwimmen im Verkehr oder konstantem Autobahn-Tempo ohne viel Bewegung der 46er-Drosselklappe verbirgt die Forke ihr maues Ansprechverhalten über kleinste Unebenheiten nur unzureichend. So vibriert sich die KTM 390 SMC R über die kleinen Verwerfungen hinweg, die selbst die glatteste Straße aufweist, lässt die Hände im Millimeterbereich auf- und abzittern.

Ob’s mit zunehmender Laufleistung besser wird? Während der vielen Top-Test-Kilometer legte die flammneue KTM 390 SMC R ihren Ansprech-Unmut an der Gabel jedenfalls nicht ab.

Glücklicherweise entspricht Standgasgezuckel so gar nicht dem Naturell einer Supermoto, deswegen darf die KTM 390 SMC R jetzt mit Verve durch die Kreisbahn fegen. Selbst wenn sie in voller Schräglage beim Überqueren der zwei ausgeprägten Rillen während dieser Disziplin mit zartem Fahrwerksrühren reagiert, bleibt sie ihrem grundsätzlich stabilen Wesen treu, brilliert dabei hinterm breiten, wenig gekröpften Lenker gepackt mit spielerischer Handlichkeit, ohne je von selbst übers Vorderrad in Kurven hineinzukippen. Da zieht selbst der Top-Tester anerkennend den Crosshelm.

Statt eingetragenen 148 km/h Topspeed, GPS-gemessene 163 km/h

Dieses vertrauenspendende Wesen legt die KTM 390er SMC R auch beim Topspeed-Einsatz auf der Autobahn nicht ab. Wenn der Single im sechsten Gang Richtung 8.500/min durchs Drehzahlband steppt, km/h zu km/h addiert, bleibt das Fahrwerk gelassen. Und das, obwohl das TFT-Display mithilfe von etwas Windschatten forsche 185 km/h anzeigt.

KTM selbst weist für die 390 SMC R nur einen Topspeed von 148 km/h aus, GPS-gemessen von MOTORRAD rennt sie aber flotte 163 km/h. Ihre Power steigert die neue Sumo dabei von guten 3.000 Umdrehungen bis hin zum Begrenzer bei guten 10.500/min schön linear, der kleine Einbruch in der Leistungskurve bei 6.600 Touren bleibt ohne Auswirkungen.

ABS-Road-Mode: Es fehlt der Initialbiss

Fürs Bremsen mit der KTM 390 SMC R lässt sich das so nicht behaupten. Entgegen ihrer nackten Schwester KTM 390 Duke, die mit ABS-10 und einer 3D-IMU von Bosch ausgerüstet ist, verzichtet die Supermoto auf die Lagesensorik. Rein technisch bedeutet das auch, dass ihr ABS ohne spezielle Kurvenfunktion auskommen – was per se nicht negativ sein muss.

Aus 100 km/h im defensiven ABS-Road-Mode verzögert, haut die KTM 390 SMC R aber nie so richtig rein, reiben sich die Beläge der radial montierten Vier-Kolben-Zange von Bybre zahnlos an der 320er-Scheibe vorn ab. Es fehlt der Initialbiss.

Das System reduziert schon vorm Erreichen feister Stoppwerte den Bremsdruck, verhindert mit aller Macht ein abhebendes Hinterrad. Prinzipiell ein begrüßenswertes Vorgehen. Das allerdings dann einen Haken aufweist, wenn die Anhaltewege bei 50 Metern und mehr liegen. Hier presst eine 390er-Duke schon zu Beginn des Stopps am Limit die Beläge viel unnachgiebiger auf die Bremsscheibe – ebenfalls ohne Überschlaggefahr. Die als Referenz mitverzögerte 690er SMC R steht mit aktiviertem ABS schon nach etwas mehr als 43 Metern.

Erst wenn das ABS der KTM 390 SMC R am Hinterrad Pause hat und der Supermoto-Mode fürs Anhalten regiert, purzeln die Bremsmeter. Mit knackigem Druckpunkt und feinem Feedback steht die neue A2-Sumo in diesem Fall ebenfalls knapp hinter der 43-Meter-Marke. Allerdings muss ihr Pilot dann mit Gefühl in der rechten Hand den unausweichlichen Stoppie selbst dosieren. Der haftstarke Belag des Top-Test-Geländes zwingt zusammen mit dem guten Grip der Michelin-Erstbereifung das Hinterrad der KTM 390 SMC R in die Höhe – ohne dass das ABS vorn regelnd eingreift.

KTM 390 SMC R mit 3,5 Liter Verbrauch

Was am Ende noch einen kleinen Schatten auf den ansonsten tollen Einstand des neuen Regenten-Anwärters der Drift-Dynamik in der A2-Klasse wirft. Mit guter Ausstattung, zu der neben den verschiedenen ABS-Modi auch zwei Fahrmodi, LED-Beleuchtung, ein USB-Ladeanschluss neben dem TFT-Cockpit, der feine Quickshifter samt Blipper sowie das sinnvoll einstellbare Fahrwerk zählen, haut die KTM 390 SMC R fürs sauber Ersparte ordentlich einen raus. Glänzt erwartbar mit einer Eins vorm Komma bei der Preis-Leistungs-Note.

Die trübt nicht einmal der Verbrauch, der mit 3,5 Litern auf 100 Kilometer auf dem Niveau der nackten Schwester Duke 390 liegt. In Sachen Fahrspaß steckt die neue A2-Sumo ihre Naked-Schwester sogar locker in die Tasche. Die KTM 390 SMC R kann richtig was, weckt selbst in von Punktetabellen und Vernunft geleiteten Testerseelen den Spaß am zweirädrigen Übermut.

Daher KTM, bitte das ABS nachschärfen, dann geht euer Supermoto-A2-Gerät sofort als verlockender Gegenwert fürs Ersparte 18-jähriger Führerscheinaufsteiger und preissensibler, alter Motorradspaß-Enthusiasten durch.

Fazit