Fahrtest: Yamaha Ténéré 700 World Raid (2026) – mehr Technik, gleiche Seele

Yamaha Ténéré 700 World Raid (2026) Fahrtest
Mehr Technik, gleiche Seele

ArtikeldatumVeröffentlicht am 29.03.2026
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Seit 1516 definiert und sichert das deutsche Reinheitsgebot die Qualität dessen, was gerne als flüssiges Gold bezeichnet wird. Das sind über 500 Jahre Qualität, Kontinuität, Tradition und deswegen auch Erfolg. 2019 brachte Yamaha die Neuauflage der Ténéré 700 auf den Markt, verbunden mit dem Reinheitsgebot ähnlichen Ansagen: Einfachheit, Robustheit, Klarheit. Und dieser nicht neue, aber selten gelebte Ansatz wuchs und gedieh im Umfeld von Ausstattungs- und Gewichtsopulenz bei den Mitbewerbern zu einem globalen Erfolg.

2022 erweiterte die World Raid das Portfolio der Ténéré-Familie und steigerte mit potenterem Fahrwerk und großen Tanks die Reisekompetenz der 700er erheblich. Gerade einmal vier Jahre später wird Yamaha schwach – korrumpiert das System der bis dahin so furchtbar einfachen wie fruchtbaren Philosophie der Ténérés. Statt des "reduce to the max" – Achtung, ein Smart-Slogan – halten nun bei der World Raid moderne Sicherheits- und Ausstattungsmerkmale Einzug. Ist das etwa ein Verrat an der Idee? Verwässert Yamaha die Reinheit der Puristin?

Tatsachenfindung: Modernisierung ohne Zusatzgewicht

Ho, langsam reiten Cowboy! Zwar bekommt die Ténéré-Familie ein Upgrade, doch dies in Bereichen, die nicht wirklich wehtun – also kein Extragewicht ans Fahrzeug bringen. Des Pudels Kern bleibt also unangetastet, lediglich die Peripherie der Idee wird modernisiert. Im Falle der 2026er-World Raid bedeutet das primär: Modernisierung der Elektronik inklusive der Motorsteuerung, Verbesserung des Fahrwerks und Feinschliff an Ergonomie und Optik. Mit den etwas großflächigeren Seitenteilen wirkt die aktuelle World Raid geschmeidiger als ihre Vorgängerin.

Motor, Ride-by-Wire und Reichweite: Euro-5+, 73 PS, 68 Nm

Notwendig geworden sind die Änderungen an der Motorsteuerung wegen der Euro-5+-Norm. YCCT (Yamahas Ride-by-Wire-System) löst nun den Gaszug bis zur Drosselklappe ab und öffnet den Elektronikern ein großes Spielfeld an gewichtsneutralen Ausstattungs-Extras wie verschiedenen Motormappings, Traktionskontrolle, Schaltautomat (Blipper) – bis hin zum längst überfälligen Tempomaten. Zur Elektronik gleich mehr, bleiben wir noch kurz beim bewährten CP2-Reihenmotor, an dem mechanisch nur wenig geschah. Die Kupplungsbetätigung wurde um 35 Grad nach vorne gedreht, um mehr Raum für den rechten Stiefel zu schaffen, und im Getriebe wurden die Gangräder überarbeitet, um die Schaltbarkeit zu verbessern. Unverändert drückt der wackere Motor maximal 73 PS und 68 Newtonmeter ab, was dem Solo-Schotterreisenden sicherlich jederzeit genügt, dem Asphaltritter jedoch spätestens mit Gepäck und/oder Sozius am Berg zu dürftig sein wird. Während unserer flüssig gefahrenen Testrunde über sizilianische Schlechtweg- und Schotterstrecken zeigte das Bordinstrument einen Verbrauch von 4,5 l/100 km an, was in Kombination mit dem 23 Liter fassenden Alutank eine afrika- und langstreckentaugliche Reichweite von etwa 500 Kilometern ergibt.

Des Pudels Kern: Ergonomie, Doppeltank und Handling im Alltag

Tagesetappen dieser Länge abzureiten ist die Kernkompetenz der World Raid. Das konnte sie bislang schon gut, und daran hat sich nichts geändert. Das ergonomische Dreieck blieb unverändert, die Sitzbank ist gut gepolstert und ließ sich klanglos sechs Stunden und rund 250 Kilometer lang besitzen. Die breiten Fußrasten liefern im Stehen viel Grip und eine gute Fahrzeugkontrolle. Allerdings, und auch dies ist ein Alleinstellungsmerkmal der World Raid, prägt der mächtige Doppeltank sowohl Ergonomie als auch das Fahrverhalten der Raid. Vollgetankt fährt das Motorrad immer noch nicht harmonisch, das Handling ist okay, aber nicht agil – und die nach außen gespreizten Knie benötigen einige Kilometer der Gewöhnung. Somit ist sich die World Raid auch hier treu geblieben.

Elektronik im Praxistest: Mappings, IMU-ABS, SCS und Tempomat

Fluch oder Segen? Was uns endlich zur Kernfrage kommen lässt: Macht all das neue Elektronikgold die Braut attraktiver? Klare Antwort: Ja! Bildlich gesprochen erhielt die World Raid ein bis drei Liftings und etwas Botox, ist aber immer doch diejenige, die man lieben und schätzen gelernt hat. Das umfangreiche Elektronikpaket modernisiert sie genau da, wo es nötig ist, ohne ihren Purismus zu verfälschen. Das kommt daher, dass auf Unnötiges verzichtet wurde und Hinzugekommenes a) funktionell und b) gut bedienbar ist.

Doch keine Regel ohne Ausnahme. Die Motorsteuerung besitzt nun zwei unterschiedliche Mappings: Sport und Explore. Ersteres sollte eigentlich Standard heißen, da es mutmaßlich bei 95 Prozent aller Ténéristen zur Anwendung kommen wird. Es funktioniert sehr gut und passt in allen Belangen und auf allen befahrbaren Oberflächen zur World Raid. Explore dagegen packt den CP2 in Watte. Und das derart, dass es auf Schlechtwegstrecken sogar zu Nachteilen kommt. So ist beispielsweise die Leistungsentfaltung so gedämpft, dass es einem in diesem Modus kaum oder nur mit heftigem Reißen am Lenker gelingt, bei Querrinnen, Löchern oder Pfützen das Vorderrad anzuheben, um die Vorderradfelge zu schonen. Die Sinnhaftigkeit dieses Fahrmodus erschloss sich während der Testrunde nicht, lässt sich gegebenenfalls im Winter bei Eis und Schnee ermitteln…

Alle anderen von der neuen Elektronik beeinflussten Helferlein funktionieren dagegen hervorragend. Neben einer Traktionskontrolle (zweistufig einstellbar) sind nun dank Sechsachs-IMU auch ein schräglagenfähiges ABS (am Hinterrad oder auch ganz abschaltbar) mit an Bord sowie eine Slide Control (SCS, zweistufig). Vor allem Letztere bereitet auf Schotter einen Riesenspaß und hebt Sicherheit und Gaudi auf ein neues Level. Auch das bei der alten Ténéré und World Raid zu defensiv abgestimmte ABS ist nun Geschichte. Mit ABS-Regelung am Vorderrad und ohne ABS am Hinterrad ließ sich ganz fantastisch über rumpelige, unwettergepeinigte sizilianische Straßen rollen. Bremsen auch auf Schotter war gut möglich und sorgte für das richtige Tempo vor dem Einlenken, um dann, von der Slide Control unterstützt, feist aus den Radien heraus zu beschleunigen.

Cockpit, Konnektivität und Navigation

Ein weiteres, sehr praxisgerechtes Ausstattungsmerkmal ist der nun verfügbare Tempomat. Lange Verbindungsetappen in geschwindigkeitsbegrenzten Ländern verlieren mit ihm ihre Schrecken. Natürlich hält mit der Digitalisierung der World Raid auch die sogenannte Konnektivität Einzug in deren Cockpit. Sehr sinnvoll ist die Navigationsfunktion über das TFT-Display, welche einem ein externes Navi erspart. Ob man während der Fahrt Musik hören oder telefonieren muss, sei jedem freigestellt – die Möglichkeit dazu ist nun gegeben. Das neue Cockpit verfügt über drei Darstellungsdesigns, alle sind übersichtlich. Endlich mit Tempomat! Dieses Feature ist wie Heizgriffe ein Muss an Tourern.

Preis, Farben und Fazit

Alles rund, alles easy also? Die World Raid Modelljahr 2026 ist ein durchweg besseres Motorrad geworden, das seine Kernkompetenz gestärkt hat, ohne irgendwo Kompromisse einzugehen oder Federn lassen zu müssen. Ab sofort ist sie in zwei Farbvarianten zum Listenpreis von 13.199 Euro zuzüglich Nebenkosten erhältlich. Gemessen an den "nur" 73 PS ist der Preis zwar stattlich, gemessen am gelieferten Gesamtpaket aber vertretbar.

Fazit

Technische Daten
Yamaha Ténéré 700 World Raid (2026)
Motor2, Reihenmotor
Leistung54,0 kW / 73,0 PS bei 9.000 U/min
Hubraum689 cm³
Leergewicht vollgetankt220 kg
Sitzhöhe890 mm