Die MOTORRAD-Redakteure Ferdi und Thorsten lassen sich nicht lumpen und wählen für einen Trip zu den pompösen Loire-Schlössern im zentralen Frankreich passende, weil äußerst gediegene Tourenstühle: BMW K 1600 GTL und Harley-Davidson Road Glide. Luxus pur – da bleiben keine Wünsche offen. Oder doch?
"Viel Spaß bei der Parkplatzsuche!", lästerte der erfahrene Ex-Kollege Fred, der das Val de Loire ziemlich gut kennt. Und er legte noch nach: "Was wollt ihr da? Klasse Gegend, aber viele Kurven gibt es dort nicht, das sollte man bedenken."
Vor dem Schloss Chambord hallen Freds Worte in meinem Kopf wider. Die fette Harley-Davidson Road Glide lehnt bedenklich schräg auf dem Seitenständer, Kollege Ferdi strauchelt auf losem Grund mit seinem Sieben-Zentner-BMW K 1600 GTL beim Rückwärts-Einparken, immerhin mit Rückfahrhilfe.
Château de Chambord
Die Parkplatzsuche scheint aber selbst mit diesen moppeligen Teilen kein Problem. Obwohl das riesige, gekieste Areal erahnen lässt, welche Massen an Autos, Wohnmobilen und Bussen hier drängeln könnten, finden wir jetzt überall freie Lücken. Fred meinte ja auch die Hochsaison – Overtourism à la Venedig, Stau auf den Zufahrten, ätzend das Ganze. "Spart euch den Eintritt", feixte er noch.
Nein, sparen wollen wir nicht. Das Thema heißt "Luxus", und das Château de Chambord gilt als "Muss" in allen Reiseführern, gehörte auf unsere Bucketlist – und 18 Euro Eintritt sind doch ein Klacks. Für den Listenpreis unserer Harley oder BMW gäbe es 1.600 bis 1.800 Chambord-Tickets. Fragt sich nur, wofür das Geld besser angelegt wäre. Ferdi und ich sind uns nämlich gar nicht mehr so sicher, ob die Wahl von Motorrädern und Reiseziel wirklich clever war.
4.000 Kilometer in zehn bis zwölf Tagen
Für unsere Motorradtour zu den Schlössern der Loire suchten wir Touren-Bikes, auf denen sich 4.000 Kilometer in zehn bis zwölf Tagen angenehm abspulen lassen. Klar geht das auch mit 125ern (haben wir alles schon gemacht). Aber diesmal wollten wir volle Lotte Komfort: rollende Zwei-Zimmer-Küche-Bad. Opulenz pur.
Die Wahl fiel auf BMW K 1600 GTL und Harley-Davidson Road Glide – Motorräder für 700-Kilometer-Anfahrten (wie bei uns bis Orléans), für Zehn-Stunden-Ritte im Zielgebiet (im Zickzack entlang der Loire) und, theoretisch, für eine spontane 1.000-Kilometer-Rückreise am Stück.
Die Auswahl an Luxus-Tourern ist heute jedoch klein geworden. Oder man greift alternativ zu Touring-Cruisern. Maschinen, très commode wie ein Fauteuil des Sonnenkönigs. Und das Loiretal – eine der schönsten Kulturlandschaften Europas – klang nach einer idealen Kulisse: Wälder, Wiesen, Nebenflüsse, idyllische Dörfer, Geschichte zum Anfassen!
Mehr automobilen Komfort erwartet
Wir sind als Motorradtouristen trotzdem erst mal ernüchtert. Für die zähe Anfahrt erwarteten wir uns von den Luxusstühlen etwas mehr automobilen Komfort, fast wie in einem Cabrio. Staus auf deutschen Autobahnen wären zwar auch mit schlankeren Motorrädern nicht angenehmer gewesen, und für das Tempolimit auf französischen Maut-Autobahnen können die dicken Brummer nichts, sie würden uns gerne auch flotter transportieren.
Für Beschallung aus der serienmäßigen Hi-Fi-Anlage reicht es bei 130 km/h nicht – der Fahrtwind zerschneidet alles. Podcasts und Hörbücher via Helm-Bluetooth funktionieren immerhin zur Ablenkung von der faden, flachen Landschaft in Teilen Lothringens, der Champagne und Île-de-France. Aber das geht auch mit nur ein Drittel so teuren Reiseenduros und Crossover-Bikes, wie wir zuletzt getestet haben.
Die profane Mittelklasse schlägt sich in Ergonomie und Windschutz nicht viel schlechter – Freunde langer Anreisen brauchen nicht gleich ihre Konten plündern, um auf Voll-Tourer wie die unsrigen umzusteigen.
Bewährte Michelin-Straßenkarten zur Tourplanung
Nach 550 Kilometern zogen wir in Troyes gestresst die Reißleine und buchten ein Hotel. Die opulenten Mopeds animierten jedenfalls nicht zur epischen Weiterfahrt gen Sonnenuntergang. Am nächsten Morgen in Orléans, Hauptstadt der Region Centre-Val de Loire, besorgten wir uns Tourismusmaterial, grüßten die Statue von Nationalheldin Jeanne d’Arc – die wohl berühmteste Widerstandskämpferin im Hundertjährigen Krieg, gleichzeitig prägende historische Figur für diese Gegend – und kauften in einer Buchhandlung die bewährten Michelin-Straßenkarten zur Tourplanung.
Mit Kugelschreiber und karamellisierten Crêpes in der Hand scannen wir, kurz vor Weiterfahrt vom in der Tat eindrucksvollen Château de Chambord, die Blätter 517 und 518 nach "grünen" Strecken (landschaftlich und fahrerisch besonders attraktive Straßenabschnitte). Die sind aber rar und meist zu weit weg von der Loire. Dichte Kurvennetze wie in den Westalpen gibt’s hier kaum. Zeit, umzudenken.
Denn: Muss Motorradtour immer von Schräglage zu Schräglage gehen, können nicht auch flache Straßen abseits der Berge reizvoll sein? Geht nicht auch Bummeln, Genießen, Pausieren? Warum nicht das französische Savoir-vivre auf zwei Räder übertragen?
Also kringeln wir ein paar Schlösser und Sehenswürdigkeiten auf der Karte ein, überlassen dem Algorithmus unserer bordinternen Navis und einer Smartphone-App die Suche nach "kurvigen Strecken". Die digitalen Tourguides sollen entscheiden, ob die Verbindung von einem POI zum nächsten "funny" oder "am schönsten" wird.
Château de Chenonceau
Wir fahren entspannt mit neuen Augen – und neuen Sinnen – weiter. Unglaublich entspannt. Zurückgelehnt auf der Road Glide und reingekuschelt in die weichen Sitzmöbel der Sechszylinder-GTL gondeln wir bei Prachtwetter durch Alleen und Wälder, blicken in Chaumont-sur-Loire auf den glitzernden Fluss, steuern beschwingt das wunderschöne Château de Chenonceau an.
Dass wir es fünf Minuten nach Schließung erreichen macht nichts. Ein Tipp des freundlichen Security-Manns führt uns auf die andere Flussseite vom Cher, wo wir am Ufer in der Abendsonne verweilen, schießen ein paar Fotos und cruisen äußerst relaxed nach Amboise, speisen dort fürstlich und landen in einem kleinen Wellness-Hotel mit Top-Service und einem petit déjeuner am Morgen, welches jedoch alles andere als "petit" ist: Nach butterschwangeren Croissants und Tartes fühlen wir uns schwerer als unsere geparkten Kolosse vor der Tür.
Also statt Weiterfahren: Stadtspaziergang, Schlossbesichtigung, Lustwandeln im Garten bei frischer Morgenluft. C’est génial!
Tours, Château Villandry, Wasserschloss Azay-le-Rideau
Gemächlich geht es weiter – vorbei an der Provinz- und Kulturmetropole Tours, dem Château Villandry mit floraler Pracht und einem perfekt gemixten alkoholfreien Cocktail, am Wasserschloss Azay-le-Rideau (nur umrundet, aber schön) … und schwupps ist der Tag schon fast vorbei.
Kutschen-Schlafwagen als extravagantes Quartier
Ein Reiterhof mit originellen Kutschen-Schlafwagen wird unser extravagantes Quartier. Wir prosten uns mit Dosenbier zu, benzinplaudern über Fahrwerke (sind überraschend gut), Motorcharakter (kernig vs. seidenweich, bullig vs. turbinenartig et cetera) und Verbrauch (erfreulich niedrig).
Miniaturpark mit Loireschlössern
Letzter Tag an der Loire. Alle Schlösser zu besuchen? Illusorisch. Allein für die populärsten Anlagen bräuchte man Wochen. Wir waren bei Amboise immerhin im amüsanten Miniaturpark Loireschlösser (Mini-Châteaux – Val de Loire), um wenigstens einen groben Eindruck von den Bauten zu bekommen.
Das Château d’Ussé am südlichen Ufer der Indre, einem Nebenfluss der Loire, überrascht uns "live" dann aber doch. Angeblich als Inspiration für die Erzählung "La belle au bois dormant" (französische Version von "Dornröschen") wirkt es tatsächlich märchenhaft. Wir staunen einfach.
Regen, nasse Jeans und abfangbare Rutscher
Bis es anfängt zu regnen. Oh nein! Regenklamotten – ungemütlich. Es ist rutschig, nicht schön. Pause. Café crème, Krisensitzung. Doch die Sonne kommt wieder raus. Weiterfahren.
Wieder schauert es stark, die Biker-Jeans wird nass trotz Gummihose drüber, Rain-Modus und Zart-Gas als einzige Rettung auf Rollsplit-Kuhfladen-Mini-Routen, auf die uns die dämlichen Navis schicken; die enormen Massen unserer XXL-Tourenmaschinen drücken nun auch auf die Stimmung, spätestens nach zwei kaum noch abfangbaren Rutschern: kein Bock mehr!
Doch kann es sein, dass ein paar Tropfen Regen die Laune verderben? Ist das der Preis fürs gediegene, luxuriöse und ultrabequeme Unterwegssein? Vielleicht.
1.000 Kilometer am Stück retour?
Klitschnass betreten wir kurz vor Nantes eine spontan per Smartphone ermittelte Privatpension. Gastgeber Hélène et Frédéric empfangen uns wie Freunde in ihrem liebevoll eingerichteten Haus. Üppiger Garten, selbst gemachter Jasmin-Joghurt, Beerengelee, heiße Dusche, weiche Betten, blütenduftende Umgebung – die Luxuswelt ist wieder in Ordnung.
Und jetzt? 1.000 Kilometer am Stück retour? Möglich – aber für unsere schon nach kaum 96 Stunden verweichlichten Elitär-Tourenfahrer-Körper vermutlich etwas zu … äh … peinlich zu sagen: unbequem?!? Also weiter gen Bretagne. Peu à peu. In genau dem ruhigen, genussvollen Takt der letzten Tage. So könnten wir mit unseren anschmiegsamen Luxus-Linern auch ewig weiterreisen.












