Der Sachsenring, diese einzigartige Achterbahn durch die sächsischen Hügel mit der längsten Linkskurve der Welt, hat wieder einmal bewiesen, warum er zu den aufregendsten Rennstrecken Europas gehört. Zwei Tage, drei Klassen, unzählige Überholmanöver, ein neuer Rundenrekord – und Reifen, die manchmal einfach keine Lust mehr hatten. Willkommen in der Euromoto.
Superbike: Tulovic schreibt Geschichte – und der Rest kämpft um Platz 2
Qualifikation: Neuer Rekord, alte Hierarchie
Bevor überhaupt ein Rennen gefahren wurde, sorgte der Samstag bereits für den ersten Aufreger des Wochenendes. In der Superpole 2 donnerte Lukas Tulovic auf seiner neuen Ducati Panigale V4R zu einer Zeit, die den bisherigen Streckenrekord von Patrick Hobelsberger pulverisierte. Ein neuer Sachsenring-Rekord in 1:22.073 min für die Superbike-Klasse – und das beim Saisonauftakt. Als wäre der Titelverteidiger damit noch nicht zufrieden gewesen, ließ er es dabei bewenden und sparte sich den Rest für die Rennen auf.
Auf den Startplätzen zwei und drei folgten Hannes Soomer und Markus Reiterberger – beide unter dem alten Rundenrekord, beide auf BMW. Das Werner-Damen-Team stellte damit die gesamte erste Startreihe hinter Tulovic und schickte ein unmissverständliches Signal an die Konkurrenz. Soomer, der Neue im Team, grinste nach der Session nur: "It's not a bad day for the team – two bikes on the front row." Reiterberger, der nach 13 Jahren Sachsenring-Abstinenz zurückgekehrt war, musste sogar den Umweg über die Superpole 1 nehmen, ehe er sich noch in die erste Reihe kämpfte. "Erste Reihe ist natürlich unglaublich", strahlte der vierfache Champion – und gestand gleichzeitig ehrlich, dass es alles andere als ein einfacher Tag gewesen war.
Florian Alt auf der Holzhauer Honda verpasste Reihe eins als Vierter hauchdünn. Marcel Schrötter, der in seiner Superbike-Premiere antrat, qualifizierte sich stark auf Rang 7 – ein Statement für einen Mann, der zuletzt in der Supersport-WM unterwegs war und zum ersten Mal auf einem Tausender saß.

Die neue Ducati Panigale V43 R dominierte die Superbike-Klasse der Euro Moto auf dem Sachsenring.
Rennen 1: Tulovic macht kurzen Prozess
Sonntagmorgen, Startampel aus – und sofort war klar, wer das Wochenende dominieren würde. Tulovic schoss von der Pole und baute innerhalb weniger Runden einen Vorsprung heraus, der am Ende bei knapp fünf Sekunden lag. Der 25-Jährige aus Eberbach fuhr dabei kein riskantes Rennen, sondern ein kluges. Er setzte das Tempo, kontrollierte es und verwaltete den Vorsprung mit der Gelassenheit eines Mannes, der genau weiß, was er kann.
Hinter ihm tobte dagegen die Hölle. Marcel Schrötter vollendete das Bild eines beeindruckenden Rennwochenendes. Der Ex-Moto2-Pilot, der von Startplatz 7 ins Rennen gegangen war, lauerte geduldig im Mittelfeld, wartete auf seinen Moment – und schlug in den letzten Runden eiskalt zu. Platz 2 beim Überqueren der Ziellinie. Für ein Debüt auf dem Superbike war das schlicht sensationell.
Reiterberger kämpfte sich auf Platz 3, Soomer folgte auf Rang 4. Die BMW-Piloten lieferten sich dahinter ein intensives Teamduell, das am Ende zugunsten von Reiterberger ausging. Soomer haderte sichtlich mit sich und dem Motorrad – die Eingewöhnungsphase im neuen Team brauchte eben etwas mehr Zeit als erhofft.
Twan Smits auf der Yamaha R1 des Apricot-Teams war die Überraschung des Rennens – und das als einziger Yamaha-Fahrer im gesamten Superbike-Feld. Ohne Teamkollegen, ohne direkten Vergleichswert, ohne den großen Datenpool der BMW-Teams fuhr Smits auf Platz 6 – ein Ergebnis, mit dem kaum jemand gerechnet hatte.
Florian Alt erlebte dagegen einen Tag zum Vergessen. Von Rang 4 gestartet, fiel der Vizemeister des Vorjahres kontinuierlich zurück und beendete das Rennen auf Platz 9. Zwischen Qualifying-Tempo und Rennperformance klaffte eine Lücke, die das Holzhauer-Honda-Team bis zum zweiten Lauf schließen musste.
Rennen 2: Smits überrascht, Soomer erlöst sich
Am Nachmittag wiederholte sich das Bild an der Spitze – mit einer wichtigen Ergänzung. Tulovic führte erneut von Beginn an und ließ am Ende einen Vorsprung von 5,3 Sekunden stehen. Zwei Rennen, zwei Siege, kein Gegenargument.
Smits lieferte diesmal eine noch reifere Vorstellung. Der Niederländer hatte offensichtlich die Lehren aus Rennen 1 gezogen, bewahrte seine Reifen besser und hielt bis zum Schluss durch. Platz 2 – sein erstes Euromoto-Superbike-Podium überhaupt. "Für mich war es nur eine Frage der Zeit, aber ich hätte nicht erwartet, so schnell hier oben zu stehen", strahlte er nach dem Rennen.
Hannes Soomer rehabilitierte sich derweil für den vierten Platz aus Rennen 1 mit einem souveränen dritten Rang. Dass seine Mutter an diesem Muttertag auf der Tribüne saß und den Sohn auf dem Podest erleben durfte – schöner hätte es kaum sein können. "Ich habe heute viel mehr gespart", gab Soomer zu – und ergänzte mit einem Schmunzeln, dass er am Ende vielleicht sogar etwas zu viel gespart hatte.
Die Überraschung des zweiten Rennens lieferte Kevin Orgis. Der 26-jährige Bruder von Leon Orgis, der im familieneigenen ORM Racing Team fährt und sein Motorrad vermutlich in- und auswendig kennt, arbeitete sich auf Rang 5 vor – das beste Euromoto-Ergebnis seiner Karriere. Vater und Teamchef in Personalunion dürfte in der Boxengasse kaum stillgesessen haben.
Reiterberger blieb auch in Rennen 2 hinter den Erwartungen zurück. Rang 6 für den vierfachen Champion, der mit dem Anspruch zurückgekehrt war, Titel Nummer 5 zu holen. Der Sachsenring war kein guter Ort für ihn an diesem Wochenende – aber die Saison ist lang.
Florian Alt schloss das Wochenende auf Rang 7 ab. Zwei neunte und siebte Plätze bei einem Mann, der im Vorjahr Vizemeister wurde – das gibt zu denken. Die Arbeit für das Holzhauer-Honda-Team beginnt jetzt.
Supersport: Blan schlägt zweimal zu – Geiger zahlt Lehrgeld mit Reifen
Rennen 1: 0,040 Sekunden für die Ewigkeit
Das erste Supersport-Rennen des Jahres war eines dieser Rennen, über die man noch Jahre später spricht. Nicht wegen eines spektakulären Sturzes, nicht wegen einer roten Flagge – sondern wegen 0,040 Sekunden, die am Ende zwischen dem polnischen Sieger Daniel Blin und dem deutschen Zweiten Dirk Geiger lagen. Und wegen der Geschichte, die sich in den letzten drei Runden abspielte.
Geiger hatte von der Pole aus das Rennen dominiert. Die neue Yamaha R9 des Apricot-Teams lag ihm perfekt, der Deutsche baute einen Vorsprung von fast zwei Sekunden heraus und schien auf dem Weg zu einem ungefährdeten Sieg. Doch der Sachsenring mit seinen endlos langen Linkskurven fraß ihm die Reifen weg – Runde für Runde, Zehntelsekunde für Zehntelsekunde.
Während Geiger auf einmal deutlich langsamer wurde, näherte sich Blin auf der Ducati Panigale V2 unaufhaltsam. Und mit ihm kämpfte auch Luca de Vleeschauwer um die Führung. In einem der aufregendsten Schlussakte des Rennwochenendes übernahm Blin die Führung, verteidigte sie – und gewann. Geiger rollte als Zweiter ins Ziel, sichtlich enttäuscht, aber sportlich: Er wusste, dass seine Reifen die Entscheidung getroffen hatten, nicht sein Tempo.
Dahinter lieferten sich Lennox Lehmann und de Vleeschauwer einen Sprint bis zur Ziellinie, den Lehmann mit gerade einmal 0,012 Sekunden Vorsprung für sich entschied. Auch er räumte ein, dass die Front in den letzten Runden "echt am Limit" gewesen sei – aber ein Podium ist ein Podium.
Marvin Siebdraht auf der Honda CBR600RR und Marcel Brenner auf der Ducati komplettierten die Top 6. Freddy Heinrich sicherte sich auf der Kawasaki ZX-6R den zehnten Platz und damit die letzten Punkte. Für das MCA-Honda-Team verlief der Tag dagegen bitter: Sowohl Julius Arenkiel-Frelsen als auch Julius Caesar Röhrig schieden aus – wobei Röhrig sich respektvoll noch einen Sonderapplaus verdient hatte, weil er sich trotz eines morgendlichen Krankenhausaufenthalts tapfer ins Rennen geworfen hatte.

Rennen 2: Déjà-vu mit Ansage
24 Stunden später, gleiches Theater – aber diesmal noch deutlicher. Dirk Geiger führte erneut, baute erneut einen Vorsprung auf, und verlor ihn erneut an seine Reifen. Diesmal allerdings früher und heftiger: In den letzten drei Runden verlor der Yamaha-Pilot insgesamt sechs Sekunden auf Blin, der am Ende mit 3,8 Sekunden Vorsprung gewann.
Das war kein knappes Finale wie am Samstag, sondern eine Demonstration. Blin hatte zwischen den Rennen offensichtlich die richtigen Schlüsse gezogen, arbeitete mit seinen Reifen sanfter und fuhr am Ende kontrolliert zum Sieg. "Wir haben ein paar Änderungen am Setup gemacht – und das hat funktioniert", sagte der Pole danach schlicht. Manchmal sind die besten Analysen die kürzesten.
Für Geiger bleibt nach diesem Wochenende die Erkenntnis, dass er in Qualifying-Trim absolut konkurrenzfähig ist, im Rennen aber noch Antworten auf die Reifenfrage finden muss. Zwei zweite Plätze bei einer überlegenen Qualifying-Pace – das ist sowohl frustrierend als auch Motivation genug für Brünn.
Lehmann bestätigte seine Konstanz mit einem weiteren dritten Platz. Der Dresdner Lokalmatador auf der Apricot Yamaha R9 durfte sich über ein perfektes Heimwochenende freuen – zwei Podien, begeisterte Fans aus der Heimat. Und das gute Gefühl, endlich wieder in der Spur zu sein nach einer schwierigen Vorsaison mit dem neuen Dreizylindermotor.
de Vleeschauwer belegte beide Male Rang 4 – solide, aber noch nicht das, was der Belgier mit seinem neuen Team und dem neuen Motorrad anpeilt. Auch er wird in Brünn angreifen wollen. Siebdraht lieferte erneut einen starken fünften Platz ab und bewies, dass der Wechsel auf die Honda bei ihm die richtige Entscheidung war.
Sportbike: Zuda ist der König – aber der Hof ist brechend voll
Rennen 1: Chaos, Kampf und Kommissare
Die Sportbike-Klasse ist die jüngste der drei Euromoto-Kategorien – und sie macht den meisten Lärm. Nicht nur akustisch, sondern auch sportlich. Denn was sich in beiden Rennen am Sachsenring abspielte, hatte alles: Führungswechsel im Sekundentakt, ein Dreikampf auf engstem Raum, und am Ende sogar die Rennstewards als ungebetene Gäste.
Jakob Rosenthaler schoss von Startplatz 4 in die erste Reihe und übernahm früh die Führung. Der 19-jährige Österreicher, bekannt aus sporadischen Moto3-Wildcard-Einsätzen und einem langen Stint im internationalen Nachwuchsbereich, ließ sofort erkennen, dass er nicht zum Mitfahren gekommen war. An seiner Seite: Stepan Zuda auf der Triumph Daytona 660 und Tobias Kitzbichler auf der Aprilia RS 660 – zwei Rivalen, die ebenfalls keine Lust auf die Zuschauerrolle hatten.
Was folgte, war ein Dreikampf der besonderen Art. Die Führung wechselte nahezu in jeder Runde, mal durch clevere Bremsmanöver am Wasserfall, mal durch mutiges Eintauchen in die letzte Kurve. Ruben Bijman vom Freudenberg-Team, der Pole-Setter des Rennens, verlor im Getümmel des Starts den Anschluss an die Spitzengruppe und musste sich hinten wieder heranarbeiten.
Besonderes Highlight: Mika Siebdrath, erst 17 Jahre alt und nach vier Jahren Moto3-Ausbildung in Spanien zurückgekehrt, hielt sich bravourös in der Spitzengruppe und fuhr am Ende auf Rang 6 – ein Debüt, das Lust auf mehr macht. Sein älterer Bruder Marvin war zur gleichen Zeit in der Supersport-Klasse unterwegs – die Familie Siebdrath hatte an diesem Wochenende definitiv einen guten Tag.
Die Schlussphase wurde dann chaotisch. Rosenthaler und Zuda kamen in Kurve 13 gefährlich nah zusammen – Zuda musste über den Randstein ausweichen. Rosenthaler überquerte als Erster die Ziellinie. Jubel. Kurz. Dann die Meldung über den Lautsprecher: 3 Sekunden Zeitstrafe für Rosenthaler wegen des Zwischenfalls. Der Österreicher rutschte auf Rang 4 zurück – und Zuda erbte den Sieg.
Kitzbichler durfte sich über Rang 2 freuen, Bijman über Rang 3. Rosenthaler schaute beides von Rang 4 aus zu – bitter, aber regelkonform.

Rennen 2: Zuda macht den Deckel drauf
Der zweite Lauf war in vielerlei Hinsicht eine Neuauflage des ersten – aber dieses Mal ohne Strafzettel am Ende. Zuda und Rosenthaler lieferten sich erneut einen atemberaubenden Zweikampf, der bis in die letzte Runde offen war. Mehrfach wechselte die Führung, mehrfach war Rosenthaler zum Greifen nah an Zuda dran – doch der Tscheche bewies in den entscheidenden Momenten die besseren Nerven.
Durch den Wasserfall, die Ralf-Waldmann-Kurve hinunter, die letzte Linkskurve hinauf – Zuda hielt die Linie, verteidigte die Position und gewann mit einem Vorsprung von weniger als einer Sekunde. Zwei Rennen, zwei Siege. Der Sachsenring gehört Stepan Zuda.
Kitzbichler bewies erneut, dass sein Podium aus Rennen 1 kein Zufallsprodukt war. Der 16-Jährige auf der Aprilia RS 660 fuhr erneut auf das Treppchen – Rang 3 nach einem beherzten Angriff in der Schlussphase, der Ruben Bijman vom Podest verdrängte. Bijman, der als Pole-Setter ins Wochenende gegangen war, musste sich am Ende mit Platz 3 in Rennen 1 und Rang 4 in Rennen 2 begnügen. Kein Podium am Sonntag bei optimaler Ausgangslage – das schmerzt.
Oliver Svendsen auf der Kawasaki lieferte trotz des strukturellen Nachteils seines Vierzylinders regelmäßig solide Ergebnisse. Der ehemalige Supersport-300-Champion kämpfte gegen die physikalischen Gesetze der kurzen Sachsenring-Geraden und holte dabei das Beste heraus, was möglich war. Tom Kuil zeigte in der Anfangsphase beider Rennen starke Ansätze – wenn er künftig von weiter vorn startet, könnte er ein echter Faktor im Kampf um die Podestplätze werden.












