Fallen wir direkt mit der Tür ins Haus: Die Benelli TRK 902 ist in ihren beiden Varianten Xplorer und Stradale ein absoluter Preiskracher. Mit nur 9.160 Euro für die Stradale sowie 9.360 Euro für die Xplorer (jeweils inklusive Nebenkosten) platziert Benelli das Midsize-Adventure- oder Midsize-Crossover-Bike am untersten Kostenspektrum der jeweiligen Kategorie.
Midsize-Adventure und Midsize-Crossover unter 10.000 Euro
Kein anderes Neufahrzeug im jeweiligen Konkurrenzumfeld – Beispiele wären die Honda Transalp, Triumph Tiger 900 oder BMW F 900 GS – bleibt unter der 10.000-Euro-Marke. Kurz zur Einordnung der beiden Varianten: Die Stradale rollt auf 17-Zöllern und bietet vorn wie hinten 130 Millimeter Federweg, mimt daher die Straßenschwester der beiden. Die Xplorer hingegen darf dank 19er-Vorderrad und 17-Zoll-Derivat hinten sowie jeweils 170 Millimeter Federweg auch abseits befestigter Wege spielen.
Unterschiede zwischen den beiden Varianten
Optisch unterstreicht die Benelli TRK 902 Xplorer den Gelände-Anspruch auch mit einem Motorschutz, Schutzbügeln sowie rally-esken Tagfahr-LEDs. Die Benelli TRK 902 Stradale versteckt dagegen ihre Blinker sportlich-schnittig in der Seitenverkleidung. Ansonsten bauen beide auf technisch identischem Grundgerüst auf.
Preisgünstige Benelli TRK 902, Vollausstattung inklusive
Damit hat die Benelli TRK 902 – mit italienischem Design und chinesischer Technik – ein Alleinstellungsmerkmal, das womöglich einen großen Impact in der Kategorie auslösen wird. Immerhin darf die Frage gestellt werden: Ist Motorradfahren zu teuer geworden? Selbst Mittelklasse- oder Einsteigerbikes strapazieren den Geldbeutel heute enorm, bieten hingegen oftmals nur lauwarme Kost. Würze bringen zumeist erst aufpreispflichtiges Zubehör oder ganze Pakete, die den Anschaffungspreis nochmals um einige Tausender in die Höhe schießen lassen.
Kurven-ABS, Traktionskontrolle, Griffheizung, Sitzheizung und Radarsystem
Benelli kontert mit den beiden TRK 902-Varianten deutlich. Vor allem wenn der Blick über die üppige Serienausstattung schweift. Ob Radarsystem mit Totwinkel- und Auffahrwarner, Tempomat mit Abstandregler, Spurhalteassistent für Autobahnetappen, Traktionskontrolle, 3 wählbare Fahrmodi ("Normal", "Sport", "Rain"), dreistufig einstellbare Griff- und Sitzheizung, volle Smartphone-Connectivity, 2 USB-Buchsen oder Kurven-ABS dank 6-Achsen-IMU von Bosch – in beiden TRK-902-Varianten schlummern Features, die selbst großvolumige Adventure-Bikes nur selten mit an Bord haben.
7-Zoll-Display mit Smartphone-Connectivity und Dashcam
Als Cockpit dient bei der Benelli TRK 902 ein 7-Zoll-TFT-Farbdisplay, das selbst unter argem Sonnenlicht noch gut ablesbar ist. Ah, und wer gerne filmt: Eine Dashcam mit integrierter SD-Karte steht ebenfalls auf der Haben-Seite. Wer also auf Gimmicks steht, wird hier vollends glücklich.
Reihenzweizylinder-Motor mit 93 PS
Technisch vertraut Benelli, mit Ausnahme des Fahrwerks, bei beiden Varianten auf das identische Grundgerüst. Als Rahmen dient ein Rohrrahmen aus Stahl, der einen 904 Kubik fassenden Reihen-Zweizylinder aus dem Hause QJMotor trägt. Die Eckdaten: 93 PS bei 9.000/min und 90 Nm bei 6.500 Touren. Kein Powerhouse, aber genügend, um im Verkehr mitzuschwimmen. Obendrüber schlummert ein Stahltank, der 21 Liter Dinosaft schluckt.
Enduro-Fahrwerk mit mehr oder weniger Federweg
Trotz des günstigen Kaufpreises arbeitet in beiden Varianten der Benelli TRK 902 ein voll einstellbares Fahrwerk von Marzocchi, das sich durch die Länge der Federwege unterscheidet (130 mm Stradale, 170 mm Xplorer). Wunderbar – und in der Preiskategorie eine Seltenheit: Heckseits kann die Federvorspannung easy-peasy per Handrad auf unterschiedliche Gegebenheiten angepasst werden. Und weil’s so schön ist, stoppt das Midsize-Bike auch noch mit echter Brembo-Hardware. Vorn beißen Monoblocks vom Typ M4.32, bedient über eine radiale Pumpe, in 320er-Scheiben, hinten beißt ein Zweikolbensattel in eine 260er-Scheibe. All das für unter zehn Mille? Gibt’s da einen Haken? Naja…
Erste Test-Tour mit Benelli TRK 902 Xplorer und Stradale
Beim ersten Fahreindruck über die geschwungenen Bergstraßen rund um Kastelruth in Südtirol wird eines deutlich: Die Benelli TRK 902, egal ob nun Stradale oder Xplorer, funktioniert und macht das, was sie soll. Es gibt – wie in der Vergangenheit öfter bei Fahrzeugen aus China – keine großen Überraschungen oder dicke No-Gos. Im Detail könnte Benelli an einigen Punkten jedoch nachschärfen.
Warnleuchten blinken wie ein wildgewordener Weihnachtsbaum
Da wäre zum einen das Radarsystem: An sich eine gute Sache, durch das sehende Auge so viele Assistenzen mit an Bord zu haben, doch in der Praxis nerven Totwinkel- und Auffahrwarnung sehr. Die Systeme reagieren etwas überempfindlich, melden Fahrzeuge, obwohl der Abstand unkritisch ist. Per se könnte das noch zu verschmerzen sein – doch bei jeglicher Detektion eines Objekts blinken die integrierten Warnleuchten in den Spiegeln und ebensolche im Display wie ein wildgewordener Weihnachtsbaum. Zusätzlich wird das Ganze noch untermalt von einem schrillenden Signalton.
Dazu noch ein schriller Signalton – das nervt gewaltig
Besonders beim Fahren in der Gruppe stellt all die Warnerei die Nerven der Fahrer auf den Prüfstand. Teils lenkt das ganze Blinke-Blinke mehr ab, als das es helfen würde. Zwar lassen die "Assistenten" sich allesamt abstellen, doch das Menü der TRK 902 wirft leider ein paar Fragen auf und ist nicht so intuitiv bedienbar. Fraglich auch, warum der Fahrmodus nicht während der Fahrt, sondern nur im Stand gewechselt werden kann.
Unverhofft gut: der Antrieb
Anders hingegen der Antrieb der Benelli TRK 902: Launig beschleunigt der Reihen-Twin beide Modellvarianten durch die kurvenreiche Welt Südtirols. Zwar fällt die Gasannahme, besonders im untertourigen Bereich, etwas harsch aus, doch die nominell 93 PS reichen fürs entspannte Cruisen vollends aus. Im Bereich bis zu 6.500 Touren – hier gipfelt das Drehmoment bei 90 Nm – fühlt sich der Motor pudelwohl.
Über 6.500/min drehen bringt nichts
Alles darüber kann jedoch getrost als Reserve betitelt werden: Steigt der digitale Drehzahlmesser über 6.500, liegt spürbar keine Mehrleistung an der Kette an, und der Antrieb wandert gummiband-mäßig sowie lustlos gen Begrenzer. Für schnelle Gangwechsel sorgt dabei ein Quickshifter mit Blipper, der butterweich funktioniert und Schaltvorgänge zu einer Freude macht.
Straffes, aber einstellbares Fahrwerk
Auch das Fahrwerk der Benelli TRK 902 überzeugt: Zwar sind die Marzocchi-Federelemente in beiden TRK-902-Varianten in ihrer Grundeinstellung relativ straff, doch sie bügeln dennoch sauber jede Bodenwelle glatt. Und mit ein paar Klicks in Richtung soft – voilà – haben wir ein tolles Fahrwerk, das genügend Komfort und Feedback liefert.
Brembo-Bremsen mit Bosch-ABS
Und die Bremsen? Die ankern, typisch Brembo, ordentlich und entzücken zudem mit einem feinen Druckpunkt. Das ABS regelt dabei sportlich spät – im Regelbereich bleibt es mit feinen Intervallen angenehm zurückhaltend. Die Applikation des Bosch-ABS ist den Technikern also gut gelungen – für den Offroad-Einsatz lässt es sich zudem bei der Xplorer hinten deaktivieren. Nach mehreren Kilometern Pass-Fräsen wandert der Druckpunkt der Brembo-Stopper dann doch – nicht, weil das Tempo so hoch oder die Bremserei so stark wäre, sondern wegen eines ganz entschiedenen Faktors: dem Gewicht.
Fast 260 Kilo vollgetankt – für diese Klasse zu schwer
Wie der günstige Kaufpreis für die Benelli TRK 902 im Detail – trotz all der Features – zustande kommt, wird beim Blick auf die Waage klar: Stahlrahmen, dicker Stahltank, bis auf die Schwinge kein Aluminium und viele weitere, kleine Dickmacher wie etwa große Schrauben fordern beim Thema Gewicht ihren Tribut. Satte 230 Kilogramm trocken bei der Stradale und gar 240 Kilogramm trocken bei der Xplorer gibt Benelli an. Bei vollem 21-Liter-Tank kommen dann noch circa 15,5 Kilogramm Benzin obendrauf, was ein Kampfgewicht von knapp unter 260 Kilogramm bedeutet – puh!
Die Stradale ist etwas handlicher als die Xplorer
Und das macht sich im Fahrbetrieb deutlich bemerkbar. Kann die Stradale ihren Hüftspeck durch die 17-Zöller noch einigermaßen verbergen, benötigt der Reiter auf der Xplorer eine umso stärker führende Hand. Mit viel Nachdruck will die TRK 902 Xplorer, aber auch die Stradale, in Schräglage abtauchen. Nachkorrigieren in Schräglage? Fehlanzeige. Ist das "Dickerchen" einmal in einer bestimmten Schräglage, bleibt es da. Kurven sollten also im Vorfeld passgenau angesteuert werden. Auch Richtungswechsel gehen nicht ganz so flott vonstatten, besonders bei schnellerem Tempo ist Körpereinsatz gefragt.
Masse macht stabil
Dafür glänzen Stradale sowie Xplorer durch ihr Gewicht mit hoher Stabilität – eine TRK 902 aus der Ruhe zu bringen, wird nur mit harschen Fahrmanövern möglich. Wer also gemütlich durch die Natur schippern möchte, der findet hier eine gute Wegbereiterin. Wer hingegen auch mal sportlich-dynamisch durchs Kurvengewusel fegen will, könnte etwas enttäuscht werden.
Benelli TRK 902 Xplorer und Stradale als Preiskracher
Dennoch muss an dieser Stelle eine Einordnung vorgenommen werden: Die Benelli TRK 902, egal in welcher Variante, bietet genau das, was ein Motorrad können soll: Fahrspaß und die pure Freiheit des Motorradfahrens. Sie brilliert, auch durch ihr Gewicht, nicht in allen Belangen, lässt vor allem eine Prise Effet vermissen. Zudem braucht die TRK 902 an einigen Ecken, die ein bisschen den Fahrspaß drosseln, noch Feinschliff. Doch andererseits bietet die Benelli einen ganzen Haufen an Features, die bei weitem nicht selbstverständlich sind. Und all das zu einem erstaunlich günstigen Neupreis. Wer also ein voll ausgestattetes Bike für einen günstigen Kurs sucht, oder getrost auf brutale Fahrdynamik verzichten kann, dürfte mit einer dieser beiden Benellis glücklich werden.
















